Die Einführung des Zentralabiturs in NRW 2007 hat viele Gemüter erhitzt. Kritisiert wurde vor allem, dass LehrerInnen bzw. Schulkollegien in der Freiheit den Unterricht zu gestalten noch ein weiteres Stück eingeschränkt werden. Zudem machen es die zentralen Vorgaben schwerer, auf die individuellen Fähigkeiten einzelner Schüler*innen einzugehen. Genau deswegen besteht der dringende Reformbedarf im Zentralabitur!

Wir wollen mehr Themenvielfalt und mehr Mitbestimmung, sowohl für LehrerInnen als auch für SchülerInnen. Außerdem fordern wir ein Zentralabitur, dass dem Anspruch gerecht wird, die Schüler*innen auf ihrem weiteren Bildungsweg vorzubereiten und auch Hochschulzugang zu sein, aber sie dennoch nicht überfordert, sondern ihre persönlichen
Interessen und Begabungen fördert.

Freie Fahrt für die Fächerwahl!
Dass die persönliche Autonomie der Schüler*innen und Lehrer*innen durch das jetzige
Zentralabitur eingeschränkt ist, wird auch in der Fächerwahl deutlich. Dies hängt nicht
zuletzt mit den bestehenden Regelungen zusammen, die den Lehrplan in Qualifikationsphase 1 (Q1) und Qualifikationsphase 2 (Q2) vereinheitlichen und individuelle Entscheidungen der Schüler*innen blockieren.
So werden beispielsweise Pflichtfächer vorgeschrieben, die teilweise auch ins Abitur
gewählt werden müssen, was die Entscheidungsmöglichkeiten der Schüler*innen einschränkt. Durch die begrenzte Fächeranzahl bleiben eigene Interessen und Begabungen somit oft unbeachtet.

Daher lehnt die GRÜNE JUGEND NRW die bisherige Einteilung in Haupt- und Nebenfächer
ab! Die in der Schule behandelten Themen lassen sich nicht in relevant und weniger
relevant einteilen. Jedes Fach kann für verschiedene Schüler*innen eine unterschiedliche
Relevanz haben. Vielmehr setzen wir uns für eine Einteilung der verschiedene Fächer in
Bereiche ein. Die vorhandene Einteilung der Fächer in die drei Aufgabenfelder I sprachlichliterarisch-künstlerisch, II geistes-,gesellschaftswissenschaftlich und III mathematischnaturwissenschaftlich-technisch halten wir hier für sinnvoll, um Schüler*innen eine allgemein gefasste Bildung zu ermöglichen. Innerhalb dieser Felder sollen es nur geringfügige Wahlpflichten gelten, beispielsweise für die Fächer Deutsch und Mathematik.

In der Q1 und Q2 soll aus jedem Bereich mindestens ein Fach belegt werden, damit weiterhin ein breit gefächertes Wissen gewährleistet wird. Allerdings soll den Schüler*innen in der Oberstufe auch eine größere Auswahl an Fächern zur Verfügung stehen. Bereiche wie beispielsweise Architektur, Ernährungswissenschaften oder Medizin werden in der Schule nicht behandelt. Diese Fächer sollen gelehrt werden, wenn eine ausreichende Anzahl von Schüler*innen Interesse an einem solchen Kurs hat. Hier schlagen wir eine Mindestanzahl von 10 Schüler*innen vor. Zusätzlich begrüßen wir die Weiterführung von Projektkursen als vollwertiges Fach, gerade im strukturschwachen ländlichen Raum, wo es oft schwer ist, neue Fächer einzuführen.Damit wollen wir den Bildungsweg der Schüler*innen verbessern.
Ein zusätzliches Produkt der beschränkten Auswahl von Fächern ist der Zusatzkurs.
Da die Fächer Sozialwissenschaften und Geschichte als besonders relevante Fächer erachtet werden, wird versucht diese Fächer in ein nicht gänzlich passendes System zu integrieren. Deswegen werden diese Fächer in der Qualifikationsphase als einjährige und verpflichtende Zusatzkurse angeboten. Diese Zusatzkurse werden maximal zweistündig und ohne Schüler*innenobergrenzen angeboten, womit die Zusatzkurse deutlich schlechter als
andere Kurse behandelt werden. Dies ist nicht unsere Auffassung von Lernen! Wir wollen
die Zusatzkursregelung deswegen abschaffen.

Alternative Prüfungsformen etablieren!
Anders als für die Sekundarstufe I, halten wir numerische Noten in der Oberstufe für ein
wichtiges Instrument. Die Ermittlung dieser Noten erfolgt derzeit jedoch hauptsächlich
durch die Bewertung mündlicher Beteiligung, sowie durch klassische Klausuren. Diese
starre Einteilung wollen wir durchbrechen. Mit der Einführung alternativer Prüfungsformen in der Oberstufe, wollen wir Prüfungen für bestimmte Fächer an deren spezifische Eigenschaften anpassen. So halten wir beispielsweise mündliche Prüfungen in den sprachlichen Fächern, praktische Prüfungen in den naturwissenschaftlichen Fächern oder andere alternative Prüfungsformen wie E-Learning, Hausarbeiten oder Referate in
verschieden Fächern für sinnvoll.
In diesen Prüfungen muss besonderer Wert auf die Fähigkeit zur Reflexion gelegt werden.
Nur so lässt sich wirklich nachvollziehen, ob Inhalte tatsächlich verstanden oder nur
wiedergegeben werden. Für schriftliche Prüfungen fordern wir darüber hinaus die
Möglichkeit zu einer Außerschulischen Nachkorrektur, falls Zweifel an der Bewertung
vorliegen.

Abiturfächer selbstbestimmt wählen!
Die Beschränkung der Leistungskursauswahl auf zwei Fächer, die aus bestimmten
Bereichen kommen, ist eindeutig überholt. Die Schüler*innen sollten die Leistungsfächer
ihrer Wahl wählen und eben nicht die Kombination, die der Stufenleitung gerade am
bequemsten ist. Falls Leistungskurse nicht zustande kommen, sollten sich umliegende
Schulen wenn möglich kooperativ zeigen und diesen Leistungskurs anbieten. Zudem
müssen ausreichende personelle und räumliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden
für die Schulen.
Wer 2 Jahre lang in der Oberstufe gelernt und die Prüfungen gemeistert hat, hat seine
Hochschulreife in der Regel schon bewiesen. Darum lehnt die GRÜNE JUGEND NRW die
bisherige Regelung ab, dass Abiturfächer aus allen Fachbereichen gewählt werden müssen
und schlagen vor, dass zu den Leistungskursen eine schriftliche und eine mündliche
Prüfung in frei wählbaren Fächern gewählt werden sollen.

Reformen wagen!
Am Ende des steinigen Weges zum Zentralabitur stellt die Nachprüfung einen weiteren
zentralen Kritikpunkt dar: Die jetzige Regelung im Zentralabitur setzt voraus, dass
Abiturklausuren mündlich wiederholt werden müssen, wenn die Vornote um mehr als 3
Notenstufen nach oben oder nach unten abweicht. Wir kritisieren diese Bevormundung
und halten daran fest, dass den Schüler*innen freigestellt werden muss, ob sie ihre
Abiturklausuren im Falle einer Verschlechterung erneut, und nicht wie zuvor im Falle einer Verbesserung antreten möchten.
Inhaltliche und organisatorische Fehler scheinen im Bezug auf das Zentralabitur kaum noch
wegzudenken: Auch in diesem Jahr beklagten sich AbiturientInnen über die vermeidbaren
Fehler in den Abiturklausuren. Die Schüler*innen sollen in ihren Rechten gestärkt werden
und bei einem Fehler ein Individualrecht auf Wiederholung einer Abiturklausur haben! Daher begrüßen wir, dass es auch in diesem Jahr möglich war, die fehlerhafte Mathematik-Klausur nachzuschreiben.
Zusammenfassend wird deutlich: Es ist noch viel zu tun! Zu einer modernen Politik gehören
auch moderne Schulabschlüsse. Deswegen fordern wir die Landesregierung auf, die
Oberstufe und das Zentralabitur schnellstmöglich zu reformieren. Jetzt ist die richtige Zeit zum Handeln!

 

Beschlussfassung der Landesmitgliederversammlung am 13.11.2011.