Nichts ist geschlechtsneutral, auch die Ökonomie nicht. Deshalb werfen wir als Junggrüne einen feministischen Blick auf den Kapitalismus, seine Herrschaftsverhältnisse und sein Arbeitsverständnis. Aus unserem Selbstverständnis heraus verfolgen wir Arbeitsmodelle, die Selbstbestimmung ermöglichen und nicht weiter konstruierte Geschlechterrollen fördern. Wir wollen keine Arbeitswelt, die Frauen als ökonomisch abhängig betrachtet und ihnen eine Rolle in der Küche zuweist!

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit und das auch für Frauen. Auch heute noch verdienen Frauen im Durchschnitt für die gleiche Arbeit wie Nicht-Frauen einen geringeren Lohn, ebenso gibt es diskriminierende Unterschiede zwischen weißen Menschen und people of color. Hinzu kommt die Tatsache, dass die überwiegend von Frauen ausgeübten Berufe schlechter bezahlt werden als die männlich dominierten. Wir brauchen daher dringend eine wirkliche Entgeltgleichheit, die auch mittels Antidiskriminierungsstellen eingeklagt werden kann.

Ein erschreckende Entwicklung ist auch die zunehmende Tätigkeit von Frauen im Niedriglohnbereich. Viele Frauen arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Dies führt nicht nur unmittelbar zu einem geringen Nettoeinkommen, das oft nur knapp über der Armutsgrenze liegt, sondern auch zu Problemen in der langen Frist, da diese Frauen keine oder nur geringe Ansprüche an ihre Altersversorgung erlangen. Wir fordern hier mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse für Frauen und eine faire Entlohnung.

Aber ebenso wird aus feministischer Sicht eine Steuerreform benötigt. Derzeit werden immer noch verheiratete Paare mit besonders großen Einkommensunterschieden durch das Ehegattensplitting begünstigt. In der Folge führen besonders Frauen gering entlohnte Tätigkeiten aus oder arbeiten nur in Teilzeit, um als Ehepaar möglichst wenig Steuern zahlen zu müssen. Wir fordern in der Konsequenz die Abschaffung des Ehegattensplittings!

Nicht nur Entlohnung und Besteuerung sind diskriminierend, sondern auch die aktuelle Unternehmens- und Arbeitskultur. Ständige Erreichbarkeit und Präsenz im Unternehmen machen es schwer, nebenbei noch Pflege- und Erziehungsarbeiten zu erledigen, was besonders Frauen zum Nachteil wird. Hier benötigt es einerseits eine Umverteilung der Erwerbs- und Reproduktionsarbeit auf die Geschlechter, aber andererseits auch eine andere Kultur, in der nicht nur die Dauer der Anwesenheit im Betrieb zählt. Wir setzen uns außerdem für flexiblere Arbeitszeitmodelle und eine Verkürzung der Wochenstundenzahl bei vollem Lohnausgleich ein.

Frauen müssen darüber hinaus die gleichen Aufstiegschancen erhalten wie Männer, auch nach einer Auszeit im Mutterschutz. Vorurteile gegenüber Frauen und Männerbünde müssen überwunden werden, um die Männerdominanz in Aufsichtsräten und Vorständen zu brechen. Das Geschlecht sagt schließlich nichts über die Führungsqualität eines Menschen aus!

Frauen dürfen nicht länger unfair bezahlt und als minderwertige Arbeitskräfte betrachtet werden. Aus Respekt und Akzeptanz muss sich die Arbeitsmarktpolitik den Bedürfnissen von Frauen widmen. Auch Frauen müssen ihre Erwerbsarbeit selbstbestimmt planen können. Dazu braucht es eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Heute müssen viele Frauen zugunsten ihrer Kinder die Beschäftigung unterbrechen und dadurch Lebenslauflücken in Kauf nehmen oder geringfügiger Beschäftigung nachgehen. Beides ist nachteilig.

Wie Frauen* so werden auch Inter* und Trans*-Personen auf Grund ihres Genders am Arbeitsplatz diskriminiert. Allerdings unterscheidet sich diese Diskriminierung oft von der bei Geburt als weiblich definierter Menschen. So haben Inter*- und Trans*-Personen ohne eine Sexanpassung nur eine Chance von max. 15% auf eine Gleichbehandlung nach der Einstellung oder verlieren während des Transitionsprozesses (körperliche bzw. juristische Geschlechtsangleichung) oft den Arbeitsplatz. Die Liste der Diskriminierungen von Trans*/Inter*-Menschen am Arbeitsplatz ist noch länger: Die Personen werden oft nicht mit dem gewählten Namen angesprochen, ihnen wird der Zutritt zu den Toiletten, die ihrem Gender entsprechen, verwehrt, Arbeitgeber*innen fehlen oft die nötigen Kompetenzen Trans*/Inter*Personen bei ihrem Coding-Out am Arbeitsplatz zu helfen, weshalb viele am Arbeitsplatz ihr Gender verstecken, und Trans*/Inter*-Personen arbeiten häufig in Jobs, die unter ihren Qualifikationen liegen. All diese Diskrimierungen von Trans*/Inter*-Menschen am Arbeitsplatz verurteilen wir als GRÜNE JUGEND NRW aufs Schärfste! Aus diesem Grund fordern wir, dass in Betrieben gezielte Diversity- und Antidiskriminierungstrainings zu geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung stattfinden. Ebenso streiten wir für die Möglichkeit der Änderung von Vornamen, Anrede und Pronomen in Dokumenten, Webseiten, Mailadressen etc. auf Wunsch des*der Arbeitnehmer*in, unabhängig von Diagnose, richterlichem Urteil und amtlichen Dokumenten, die Anerkennung von Abwesenheitszeiten wegen trans*spezifischer medizinischer Behandlungen als Krankheitszeiten, auch ohne Diagnose. Zudem setzen wir uns dafür ein, Trans*-Arbeitnehmer*innen auf Wunsch die Nutzung von Toiletten und Umkleiden sowie das Tragen von Berufsbekleidung gemäß ihrem Identitätsgeschlecht zu ermöglichen – unabhängig von einer äußerlichen Transition oder Diagnose. Außerdem fordern wir Öffentlichkeitskampagnen bei und durch Gewerkschaften, in Betrieben und der allgemeinen Öffentlichkeit zur Sensibilisierung.

Um eine wirkliche Gerechtigkeit herzustellen, bedarf es vor allem der Anerkennung geleisteter Care- bzw. Reproduktionsarbeit. Die Ökonomie betrachtet seit Jahrhunderten fast ausschließlich die marktförmige Erwerbsarbeit, die einen direkten Mehrwert schöpft und durch Entlohnung Anerkennung findet. Neben dieser Arbeit bleiben Reproduktionsarbeiten, wie die Pflege oder Erziehung von Mitmenschen häufig unentlohnt. Aber auch Berufe, die diese Aufgaben erfüllen, werden heute als typische Frauenberufe schlechter bezahlt als unmittelbar wert-schöpfende Tätigkeiten. Dabei wird missachtet, dass die Reproduktionsarbeit zwar keinen monetären Gewinn erwirtschaftet, jedoch grundlegend notwendig für unsere Gesellschaft ist. Wir brauchen Pflege- und Erziehungsarbeit, auch um das wirtschaftliche System stützen zu können.

Die vorwiegend unbezahlte Care-Arbeit muss geschlechtergerecht aufgeteilt werden und zum Beispiel durch politische Maßnahmen wie getrennter Elternzeit und Elterngeld für alle Elternteile unterstützt werden. Und auch wenn wir eigentlich Erwerbsarbeit kritisch hinterfragen, benötigen wir zur Zeit die Entlohnung von Care-Arbeit und damit Beschäftigungsverhältnisse in diesen Bereichen, um Chancengleichheit zu ermöglichen und Frauen aus der Armutsfalle zu holen.

Unser Ziel ist ein neues, feministisches Verständnis von Erwerbs- und Carearbeit, das Selbstbestimmung und materielle Sicherheit gewährleistet.

 

Beschlussfassung der Landesmitgliederversammlung vom 14./15.03.2015 in Velbert