Das zugeschriebene Geschlecht einer Person beeinflusst immer noch ihre soziale Position, ihre Chancen und Erwartungen an sie. Viele Bereiche des täglichen Lebens sind durch die Kategorisierung in „Frau“ und „Mann“ geprägt. Mit dieser Einteilung werden reale Konsequenzen geschaffen, wie eine Ungleichheit am Arbeitsmarkt, aber auch Rollenverhalten und eine soziale Zuordnung geschaffen.

Dabei wird häufig nur über biologische Merkmale gesprochen und der Mensch in zwei Geschlechter eingeteilt. Menschen, die sich hier nicht einordnen wollen oder können, bleiben unbeachtet. Ebenso findet das soziale Geschlecht eines Menschen keine Beachtung.

Für uns als GRÜNE JUGEND NRW ist klar, wir brauchen den Feminismus immer noch und wir wollen ihn queerfeministisch!

Neben der Geschlechtszuschreibung nach biologischen Kriterien, dem sogenannten ”sex”, gibt es noch das „Gender“, das soziale Geschlecht. Unsere Gesellschaft hat auch heute noch genaue Vorstellungen, was weiblich* und männlich* ist, wie sich Frauen* und Männer* verhalten sollten. Für uns steht fest: mit diesem Rollendenken müssen wir aufhören! Es gibt keine Grenze zwischen „Männern“ und „Frauen“. Jeder Mensch sollte sein „Gender“ selbst definieren und gestalten können. Es sollte egal sein, welches biologische Geschlecht ein Mensch hat. Jede Person sollte sich so fühlen oder nicht fühlen und ausleben können, wie sie es möchte. Um bestehende gesellschaftliche Diskriminierungsstrukturen aufzeigen und kritisieren zu können, greifen wir dennoch für die Formulierung politischer Forderungen teilweise auf die Kategorisierung „Frau“ und „Mann“ zurück.

Als queerfeministischer Verband streiten wir nicht nur für die Bekämpfung des Patriarchats und geschlechtsbezogener Diskriminierung, nicht nur für die Gleichstellung von „Mann und Frau“, sondern eben auch für einen queeren Feminismus! Wir wollen nicht nur Gleichstellung, sondern die Aufhebung der zwingenden Geschlechtszuordnung. Menschen sollten sich nicht einordnen müssen – sexuelle Identität darf nicht einschränken, ebenso nicht die sexuelle Orientierung. Menschen sollen lieben dürfen, wen sie wollen. Homo-, bi-, pan-, trans-, inter-, asexuelle, aromantische und allgemein queere Menschen sind genauso wertvoll wie heterosexuelle! Unser Feminismus will daher nicht nur feministisch, sondern auch bewusst queer sein.

Sex und Körper lieben

Menschen lieben sich, emotional und körperlich. Wenn dies bewusst und einvernehmlich geschieht, darf eine Gesellschaft dem nicht im Weg stehen! Männer* dürfen Männer* lieben, Frauen* dürfen Frauen* lieben. Menschen dürfen Menschen lieben. Das ist für uns selbstverständlich, für weite Teile der Gesellschaft noch nicht. Wir streiten daher weiter für eine Akzeptanz der nicht-heterosexuellen Beziehungen als gleichwertige Beziehungsform!

Bei der Vorstellung von Geschlechtsverkehr werden häufig Pornos mit der Realität verwechselt. Wir stellen uns klar menschenverachtendem, gewalttätigem
pornografischem Material sowie Kinder- und Jugendpornografie entgegen. Insbesondere das frauen*degradierende Bild lehnen wird ab. Sex darf niemals mit ungewollter Unterdrückung einhergehen. Wir setzen uns daher dafür ein, dass pornografische Materialien streng kontrolliert werden und dass es Warnungen vor pornografischen Inhalten gibt. Kinder sollten nicht so einfach wie heute am PC oder beim Fernsehen Zugriff auf Pornos erhalten. Bei Kinderpornographie gilt für uns der Grundsatz ”löschen statt sperren”. Der berechtigte Schutz von Kindern und Jugendlichen darf nicht für die Zensur des Internets missbraucht werden. Leider werden häufig auch Rollenerwartungen reproduziert und jungen Menschen ein bestimmtes Bild von Sex vermittelt. Doch es gibt auch queerfeministische Pornos, die sensibel mit Geschlecht und Verhalten umgehen. Solche Projekte begrüßen wir ausdrücklich und unterstützen, dass solche Initiativen in der Kulturszene Anklang finden.

Besonders mischen wir auch bei Fragen rund um die Körperlichkeit mit. Wir stellen uns entschieden den herrschenden Körpernormen entgegen. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, sich in seinem Körper wohl zu fühlen. Schlankheitswahn und realitätsferne Ideale der Modeindustrie kritisieren wir aufs Schärfste! Es kann nicht sein, dass bereits Jugendliche hungern, um dünn genug zu sein, gesundheitsschädliche Mittel nehmen, um muskulöser zu werden, oder sich nicht nötige Schönheitsoperationen wünschen. Menschen sind klein, groß, dünn, dick, sportlich oder nicht. Unsere Gesellschaft muss aufhören, Menschen wegen ihres Körpers zu diskriminieren und zu stigmatisieren. Hier sehen wir insbesondere die Modewelt und Medien in der Pflicht, reale Menschen statt Photoshop-Schönheiten zu zeigen und die Vielfalt von Menschen anzuerkennen. Bodyshaming, also die Benachteiligung oder Beleidigung von Menschen aufgrund ihres Körpers, ist für uns nicht hinnehmbar! Gleichzeitig muss offener darüber geredet werden, dass die meisten Menschen sich in ihrem Körper nicht wohl fühlen. Es ist nicht peinlich, so zu fühlen, sondern ein Ergebnis der immer künstlicher werdenden Schönheitsideale in dieser Gesellschaft. Kein Mensch ist perfekt, und das ist auch gut so!

Gleiche Rechte auch bei der Erwerbsarbeit

Seit Beginn der Frauen*rechtsbewegung war Arbeit ein zentraler Bereich des Kampfes. Während zunächst die Zugänge zu Ausbildung und zum Arbeitsmarkt erstritten werden mussten, geht es heute vor allem um gleiche Rechte. Es gibt gravierende Unterschiede bei der Bezahlung zwischen Männern* und Frauen*, unterschiedliche Förderungen und Stigmatisierungen. Wir setzen uns als GRÜNE JUGEND NRW dafür ein, dass jeder Mensch unabhängig seines Geschlechts einen Job ausführen kann, ohne dabei Diskriminierung zu erfahren. Für uns sind Projekte zur geschlechtsunabhängigen Berufsorientierung daher ein sinnvolles Mittel, klassische Berufsbilder aufzubrechen. Gerade im Übergang Schule – Beruf können sie sinnvolle Wege aufzeigen. Denn Frauen* können genauso gut im Kindergarten wie als Ingenieurin arbeiten! Und Männer* ebenso. Interessen und Qualifizierung sollten entscheiden, anstatt des Geschlechtes und den damit verbundenen Rollenklischees. Jeder Mensch muss den für sich passenden Job finden.

Oft ist es jedoch trotz guter Qualifizierung nicht möglich, den angestrebten Job zu erreichen. Festgefahrene Rollenbilder erschweren Einstellung oder Aufstieg. Gerade in Aufsichtsräten oder den Vorständen der großen DAX-Unternehmen finden sich nur wenige Frauen*. Männerbünde, Unsicherheit wegen potentieller Schwangerschaften und Sexismus verhindern die Tätigkeit von Frauen*. Daher setzen wir uns für Zielquoten ein, speziell auch in der Privatwirtschaft. Sie sind für uns ein zwingend notwendiges Mittel, um Frauen* die Chance zu geben, mit ihren Fähigkeiten zu überzeugen. Langfristig wünschen wir uns jedoch, dass eine Quoten-Regelung nicht mehr notwendig ist. Kurzfristig muss die Landesregierung NRW dafür sorgen, dass Möglichkeiten zur Umsetzung und Sanktionierung der Nicht-Einhaltung geprüft werden. Auch in den öffentlichen Verwaltungen und dem Landesparlament gibt es keine Geschlechterausgewogenheit. Hier sehen wir dringenden Nachholbedarf!

Der Gender-Pay-Gap, also der geschlechtsbezogene Lohnunterschied zwischen Frauen* und Männern*, ist seit Jahren in der Diskussion. Und er besteht immer noch! Wir setzen uns dafür ein, dass gleiche Arbeit gleich bezahlt wird. Geschlechtsidentitäten dürfen keinen Einfluss auf die Bezahlung von Angestellten haben. Insbesondere der Öffentliche Dienst muss hier ein positives Beispiel sein. Darüber hinaus fordern wir die konsequente Verfolgung des Gender Mainstreamings und Gender Budgetings. Wir fordern die Einsetzung eines*r Gender-Mainstream- und Gender-Budgeting-Beauftragten in der Staatskanzlei des Landes NRW.

Menschen, die sich freiwillig für die Ausführung von Sexarbeit entscheiden, dürfen unserem feministischen Verständnis nach nicht bevormundet und daran gehindert werden, sondern haben ein Recht, selbstbestimmt über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Wer Sexarbeit illegalisiert, nimmt in Kauf, dass denn Sexarbeiter*innen Schutz verwehrt bleibt. Legale Sexarbeit hingegen kann thematisiert und geregelt werden. Daher brauchen wir eine Anerkennung dieser Tätigkeit, um soziale Absicherung und Altersvorsorge bereitzustellen. Ebenso müssen wir Hilfs- und Beratungsangebote, wie psychologische Dienste, bereitstellen. Mit dem Prostitutionsgesetz wurde von der damaligen rot-grünen Bundesregierung ein wichtiger Schritt gemacht. Leider hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass das Gesetz nicht in allen Punkten praxistauglich ist, vor allem, da andere Gesetze nicht angepasst wurden und Behörden sehr unterschiedlich damit umgehen. Wir fordern deshalb Nachbesserungen und größere Rechtssicherheit, um das Prostitutionsgesetz auch wirklich sozial und sicher zu gestalten und an die Bedürfnisse von Sexarbeiter*innen und ihre Arbeitsbedingungen anzupassen.

Frauen*, Inter* und Trans* Personen in Not unterstützen

Es gibt in unserer Gesellschaft Frauen* und Kinder, die leider von Gewalt betroffen sind. Um ihnen eine sichere Zufluchtsmöglichkeit zu bieten, setzen wir uns für die Unterstützung der Frauen*häuser ein. Diese müssen den Frauen* als Schutzraum dienen und unabhängig von Konfession oder Herkunft zugänglich sein. Das Landesparlament soll dabei finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Die Landesregierung muss die Vernetzung zwischen den Frauen*häusern stärken. Die Versorgung soll zusammen mit den kommunalen Frauen*verbänden weiterentwickelt werden. Als GRÜNE JUGEND NRW fordern wir einen kostenlosen Platz für jede von Gewalt betroffene Frau* in einem Frauen*haus.

Nicht nur Frauen* sind von häuslicher Gewalt betroffen, sondern auch sich als Inter* und Trans* verstehende Menschen. Deshalb müssen Schutzräume für sich als Inter* und Trans* verstehende Menschen geschaffen werden und bestehende unterstützt werden. Auch hier soll das Landesparlament (weitere) Mittel zur Verfügung stellen. Besonders wichtig ist uns hier auch, dass Schutzräume nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, sondern dass für alle Betroffenen adäquate Schutzräume zur Verfügung stehen und garantiert werden.

Außerdem setzen wir uns für eine Ausweitung der Angebote mit speziellem Fokus auf Mädchen* ein. Auch in Deutschland gibt es Fälle, in denen Eltern ihre Töchter z.B. verheiraten oder zu einer Beschneidung zwingen möchten. Gerade in solchen Fällen ist es aber sehr schwierig bis unmöglich, sich eigenständig dagegen zu wehren. Wir begrüßen Angebote wie spezielle Mädchen*häuser, die sowohl Zuflucht als auch Beratung leisten können, deshalb sehr und fordern auch hier eine finanzielle und strukturelle Unterstützung des Landes.

Wir erkennen an, dass es auch häusliche Gewalt gegenüber Männern* gibt und auch Anlaufstellen bzw. Schutzangebote für Betroffene erforderlich sind. Für dieses Thema ist ein Sensibilisierung ebenso erforderlich wie für alle anderen Formen häuslicher und familiärer Gewalt.

Neben diesen Häusern können vor allem Nottelefone Menschen helfen. Wer von Gewalt betroffen ist, findet hier ein offenes Ohr und Unterstützung. Wir setzen uns dafür ein, dass die Nottelefone bekannter gemacht werden. Ebenso bedarf es geschultem Personal, das auf traumatisierte Personen eingehen kann. Die Politik muss hier die Angebote bewerben und die Projekte finanziell unterstützen. Darüber hinaus fordern wir die anonyme Spurensicherung für Opfer sexualisierter oder häuslicher Gewalt.

Frauen*, die ungewollt schwanger werden, benötigen Beratungsangebote und ggf. Unterstützung. Doch nicht jede Schwangere möchte auch ein Kind gebären. Daher muss es auch im Falle eines Wunsches nach Schwangerschaftsabbruch Gesprächsmöglichkeiten mit Fachpersonal geben. Ebenso sehen wir nach wie vor die Notwendigkeit von Babyklappen, die Frauen* in extremer Situation eine Lösung bieten können.

Queer leben und lieben

Unsere Gesellschaft definiert Liebesbeziehungen weitestgehend noch als heterosexuelle, monogame Bindung. Dabei gibt es viel mehr Arten des Liebens! Wir setzen uns für die Respektierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Pansexuellen, Trans*-, Inter-, asexuellen und/oder aromantischen und queeren Menschen ein. Für uns gehört gegenseitige Wertschätzung und Respekt vor den Menschen unabhängig ihrer sexuellen Orientierung und Identität zu den Grundlagen einer offenen Gesellschaft. Daher begrüßen wir sehr den Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie des Landes NRW und die enge Zusammenarbeit mit den queeren Organisationen.

Wir setzen uns als GRÜNE JUGEND NRW dafür ein, dass Projekte wie „Schule ohne Homophobie“ oder „SchLAu – Schwul-Lesbische Aufklärungsarbeit“ weiter finanziell durch das Land NRW gefördert werden. Hier darf nicht gespart werden! Die unterschiedlichen Einrichtungen für Jugendliche und junge Menschen bieten gute Beratungsangebote, leisten Beistand bei Diskriminierungserfahrungen und arbeiten an der öffentlichen Wahrnehmung nicht-heterosexueller Menschen. Ziel ist es, ein möglichst flächendeckendes Netz an Anlaufstellen für queere Menschen in NRW sicherzustellen – nicht nur in den Großstädten, sondern gerade auch in ländlichen Gebieten!

Für uns als GRÜNE JUGEND NRW ist die Öffnung der Ehe für nicht-heterosexuelle Beziehungen nur ein erster Schritt in Richtung Anerkennung. Langfristig setzen wir uns dafür ein, dass Menschen auch ohne Ehe selbstbestimmt Rechte und Pflichten für einander übernehmen können. Daher setzen wir uns für einen Familienvertrag ein, mit dem Menschen für einander Verantwortung tragen und den Ehegemeinschaften rechtlich gleichgestellt werden. In diesem Zusammenhang fordern wir auch das Adoptionsrecht für nicht-heterosexuelle Beziehungen und die rechtliche Gleichstellung. Für uns ist es falsch, Ehen zu fördern, stattdessen setzen wir uns für die Förderung von Familien ein! Egal ob heterosexuell oder nicht, egal ob monogam oder nicht, egal ob freundschaftliche oder Liebesbeziehung: Familien sind vielfältig.

Intersexualität ist in unserer Gesellschaft sehr unbekannt. Deswegen herrschen Vorurteile und Ausgrenzung. Wir wehren uns dagegen, dass Eltern bereits im Kindesalter genitalangleichende Operationen vornehmen lassen dürfen. Stattdessen muss der eigene Wille der intersexuellen Person entscheidend sein. Die Gesellschaft muss aber auch akzeptieren, dass sich Menschen keinem Geschlecht zuordnen wollen! Es bleibt unser Ziel, dass eine Geschlechtszuordnung nicht nötig ist. Wir setzen uns dafür ein, dass es neben den Kategorien „männlich“ und „weiblich“ noch eine dritte Option gibt. Diese soll zusammen mit den Interessensverbänden erarbeitet sein und bei staatlichen Dokumenten, wie dem Reisepass, vermerkt werden. Die Verweigerung der Aussage zur Geschlechtsidentität muss ebenso möglich sein.

Transsexualität ist sowohl öffentlich, als auch in der Politik wenig thematisiert. Gerade unter Jugendlichen werden Trans*sexuelle diskriminiert. Es ist deshalb die Pflicht des Landes NRW, in der breiten Bevölkerung Aufklärungsarbeit zu leisten, um dieser Diskriminierung entgegenzuwirken. Wenn Menschen heute ihren Körper durch Hormontherapie und Operationen ihrer Identität anpassen wollen, müssen sie einen langwierigen, anstrengenden und letztendlich diskriminierenden Prozess durchlaufen.
Die GRÜNE JUGEND NRW schließt sich den Forderungen nach einer Novelle des Transsexuellengesetzes an. Es ist menschenverachtend, jemandem den Weg aufgrund seines Wunsches nach einer körperlichen Anpassung dermaßen schwer zu machen! Wir fordern deswegen die Abschaffung der verpflichtenden psychologischen Begutachtung, denn niemand kann Transsexualität besser einschätzen als die betroffene Person. Zudem muss das jetzige Sonderrecht Transsexuellengesetz (TSG) in bestehendes Recht integriert werden.

In den Jahren 1949 bis 1990 wurden mit Hilfe des Paragraphen 175 StGB über 50.000 Strafurteile gegen Homosexuelle in Deutschland gefällt. Wir fordern, dass die Opfer dieses Unrechts endlich rehabilitiert und angemessen entschädigt werden. Weitergehend setzen wir uns dafür ein, dass der Artikel 3 des Grundgesetzes um das Merkmal „sexuelle Orientierung und Identität“ ergänzt wird. Menschen müssen staatlichen Schutz gewährt bekommen und eine rechtliche Sicherheit haben.

 

Beschlussfassung der Landesmitgliederversammlung vom 14./15.03.2015 in Velbert