Martin Luther und die Reformation sind den Meisten ein Begriff, da u.a. die evangelische Kirche ohne Luther nicht existieren würde. Am 31. Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen, die Martin Luther, der Überlieferung nach, an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlug. Dies nimmt die evangelische Kirche zum Anlass, die Reformation zu feiern, und das international. So sind alleine in Deutschland in über 20 Städten und anderen für die evangelische Kirche geschichtsträchtigen Orten Aktionen, Diskussionen, Führungen uvm. geplant.

Auch kann sich das Lutherjahr 2017 der kirchlichen und der öffentlichen Unterstützung gewiss sein. So beschloss der Bundestag bereits 2011 mit Unterstützung durch die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen, das Lutherjahr finanziell zu unterstützen.

Allerdings besitzt Martin Luther eine Schattenseite, die jede positive Bezugnahme auf Luther unmöglich machen sollte. Martin Luther ist seines Zeichens Wegbereiter des modernen Antisemitismus und (Proto-)Antisemit, auch wenn die Kampagne Luther 2017 und Kirchenwissenschaftler*innen anderes behaupten. Neben seinem Antisemitismus enthält Luthers Theologie weitere unemanzipatorische Elemente.

Luther als (Proto-)Antisemit

Luther war sein ganzes Leben lang ausgesprochener Judenfeind. Luther forderte immer wieder, dass Synagogen angezündet werden sollen, Rabbinern bei Leib und Leben das Lehren und Predigen verboten werden soll. Der Vernichtungswunsch gegenüber den Jüdinnen*Juden geht sogar so weit, dass Luther eine Grundlage für Konzentrationslager liefert. So sagt er: “Zum siebenten, dass man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken und Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen wie Adamskindern aufgelegt ist, [. . .] man müsste ihnen das faule Schelmenbein aus dem Rücken vertreiben“. Was mit alten und schwachen Jüdinnen*Juden passieren soll, lässt Luther offen. Ferner wollte Luther, dass Jüdinnen*Juden ihr “Wucher“ verboten wird. Mit dem negativen Bezug auf “Wucher“ findet sich bereits ein Merkmal des modernen Antisemitismus. Luther sprach auch schon über die Gefahr einer angeblichen jüdischen Weltherrschaft mit der Folge, dass alle “Nicht-Juden“ unterworfen werden sollen.

Außerdem finden sich bei Luther auch Aussagen über ein jüdisches „Wesen“, das ihre angeblichen Eigenschaften begründen soll, wie sich in der Rede von der „Verstockung“ der Juden zeigt: Aufgrund ihrer Verstockung, die ihnen „zur Natur worden“ ist, sind die Jüdinnen*Juden schlechterdings „nicht [. . .] zu bekehren“, sondern sie müssen „in der Hölle zerschmolzen [. . .] werden“. Auch sagt Luther aus, dass es so etwas wie “jüdisches Blut“ gibt, welches entartet sei, wenn er sagt, dass “das das israelitische Blut gar vermischt, unrein, wässerisch und wilde geworden sei.“Auf Grund dieser Stellen lassen sich Luthers Auslassungen nicht mehr bloß als Antijudaismus kennzeichnen, sondern müssen als (Proto-)Antisemitismus bezeichnet werden.

Luther unterscheidet sich durch diese Äußerungen von der Mehrheit seiner Zeitgenoss*innen. Seine Aussagen sind mitnichten unreflektiert übernommen, sondern nehmen durch seine Interpretation eine deutliche Eigenständigkeit an. Zum einen spiegelt sich dies in der Häufigkeit, im inneren Zusammenhang seiner Texte als auch in der Intensität seiner in sich geschlossenen Beiträge wider. Dafür spricht auch, dass Luther seine Zeitgenoss*innen in antisemitischer Polemik weit übertrifft.

Luther als Unterwerfungstheologe

In Luthers Theologie finden sich immer wieder Motive des absoluten Gehorsams. So sollen sich die Menschen nicht nur völlig Gott, sondern auch einer weltlichen Autorität unterwerfen. Die Unterwerfung unter einen König stellt für Luther nicht nur eine bürgerliche, sondern auch eine religiöse Pflicht dar. So schreibt Luther dem König beispielsweise übermenschliche Eigenschaften zu, die die Autorität des Königs und die Herrschaftsform des Königstums legitimierten. Außerdem stand Luther dafür ein, dass der König außerhalb jeder Gerichtsbarkeit steht. So war Luther auch dafür, aufständische Bewegungen niederzuschlagen: “Man soll sie [Die Bauern; Anm. d. Verf.] zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“ Für Luther ist ein Christenmensch eben auch “in dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. Dies rechtfertigt Luther damit, dass der Christenmensch immer innerlich frei ist, was eine tatsächliche Freiheit von äußerer, d.h. gesellschaftlicher, Gewalt unnötig macht bzw. dass die äußere Freiheit eben darin besteht, der politischen und religiösen Pflicht nachzukommen, sich also der göttlichen und weltlichen Autorität vollends zu unterwerfen.

So wird auch verständlich, weshalb sich führende Nationalsozialisten auf Luther bezogen. Sowohl sein glühender (Proto-)Antisemitismus als auch seine Forderungen nach völliger Unterwerfung unter eine weltliche Autorität, sind mit der nationalsozialistischen, deutschen Ideologie vereinbar.

Daher fordert die GRÜNE JUGEND NRW, dass jede öffentliche Unterstützung, sei es durch Bund, Land oder Kommunen, eingestellt wird. Außerdem soll der Landesvorstand öffentlich auf diese Problematik aufmerksam machen und Gegenaktionen, auch in Zusammenarbeit mit anderen Landesverbänden und dem Bundesvorstand, planen und unterstützen. Weiter wird der Landesvorstand aufgefordert, Luthers Antisemitismus in der Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zu thematisieren, um auch eine Distanzierung der Partei vom Lutherjahr 2017 zu erwirken.

Der Landesvorstand wird beauftragt, diesen Antrag im Namen des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen auf dem Bundeskongress der GRÜNEN JUGEND vom 30.09.-02.10.2016 zu stellen. Die Antragsteller*innen erhalten gemeinsam mit dem Landesvorstand ein Mandat für die Einbringung und Verhandlung des Antrages auf dem Bundeskongress.

Beschluss der Landesmitgliederversammlung am 13.3.2016 in Velbert.