Das oberste Gebot
Seminar zu Kommunikationsguerilla
„Verschwiegenheit“ lautet das oberste Gebot. Ansonsten ist alles angesagt, was Verwirrung stiftet – auch wenn es manchmal außerhalb des gesetzlich Erlaubten liegt. Doch davon kann beim Kommunikationsguerilla-Seminar der GRÜNEN JUGEND NRW keine Rede sein. Hier erlangen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur einen Einblick in die Taktik, (politische) GegnerInnen durch situationsuntypisches Verhalten aus dem Konzept zu bringen.
So wird die oder der Abgeordnete bei der Wahlkampfveranstaltungen beispielsweise durch spontanen Beifall an den „falschen“ Stellen in ihrem/seinem einseitigen Redeschwall gestört. „Denn wo ist bitte hier der Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern“, fragt Walter Markov, der Referent des Kommunikationsguerilla-Seminars in der Düsseldorfer Landesgeschäftsstelle der GRÜNEN JUGEND.
Markov, aber vor allem Luther Blissett und Sonja Brünzels gelten als Köpfe der Kommunikationsguerilla – weltweit. Die drei haben eins gemeinsam: sie sind vom Typ her unscheinbar, alterslos, geradezu verwechselbar. Ihre Unterschrift findet sich unter vielen E-Mails, Aufrufen und Bekennerschreiben, welche die geheimen Kreise der Kommunikationsguerilla-Grüppchen verlassen. Jeder kann hinter einem dieser Namen stecken. Und in der Tat, so ist es. Selbst der Referent an diesem Sonntag wählt das eher national bekannte Pseudonym dieser multiplen Persönlichkeiten, das ihn nach innen als Mitglied erkennen lässt und nach außen hin Schutz verspricht. „Verschwiegenheit“ lautet das oberste Gebot. „Nur wem eindeutig nachgewiesen werden kann, bei einer Aktion dabei gewesen zu sein, kann Schwierigkeiten mit dem Gesetz bekommen. Multiple Persönlichkeiten machen der Polizei die Verfolgung schwer“, erklärt Markov.
Doch wie gesagt, beim Seminar läuft alles rechtens ab. Die TeilnehmerInnen lernen die unterschiedlichen Prinzipien des Kommunikationsguerilla kennen und lauschen den Anekdoten des erfahrenen Guerillas Markov. Teilweise werden witzige (nicht nur) selbst erlebte Geschichten ausgepackt, andere hinterlassen eher ein komisches Gefühl in der Magengegend. Über vertauschte Sprachchips in den amerikanischen Trend-Spielzeugen des Soldaten GI-Joe und der stets adretten Barbiepuppe kann noch herzlich gelacht werden. Es verschafft geradezu innere Befriedigung, sich vorzustellen wie kleine Möchtegern-Kriegshelden statt des Kampfgebrülls plötzlich „Komm lass uns shoppen gehen“ und ähnlich unerwartetes aus ihrem neu erworbenen Action-Figur vernehmen. Und eine Barbie, die auf ihren Stöckelschuhen markige Sprüche des Soldatenjargons („Tote erzählen keine Lügen“) kundtut, sollten über die Kinderzimmer hinaus zum Denken anregen. „Cross-Over-Gender“ heißt diese Methode des Kommunikationsguerillas – und bescherte den Herstellerfirmen kaum Reklamationen: Die Kinder wollten lieber ihre Puppen behalten, als das Original zu bekommen.
Auf der anderen Seite steht die „Bauchschmerz-Taktik“. Doch die erfordert Mut – oder das Fehlen einer guten Kinderstube - denn beim Prinzip der Überidentifizierung sitzen die Guerilla mitten unter ihren „GegnerInnen“ und bekunden lauthals Zustimmung – gesteigert bis ins Extrem. Als Beispiel die Veranstaltung einer konservativen Volkspartei: Immer und immer wieder „diese Ausländer“ zu rufen und kurz vorm Saalverweis noch ein „KZs“ nachzuschieben, bringt alle Anwesenden sicherlich aus dem Konzept und lässt die Veranstalter Zustimmung von der ungeliebten rechten Seite befürchten. Nur besteht auch jederzeit die Gefahr, dass das Ganze nach hinten losgeht, wenn das satirische Element nicht erkannt wird – und statt erbostem Kopfschütteln über die StörerInnen eher Zustimmung geerntet wird.
Von derartigen öffentlichen Einsätzen sind die SeminarteilnehmerInnen jedoch weit entfernt. Für sie stehen Trockenübungen auf dem Programm. In Zweiergruppen denken sie sich mit Walter Markov pfiffige Aktionen aus und präsentieren sie der ganzen Gruppe. Was eventuell auf Besucher deutscher Fußgängerzonen zukommt? Nun ja, das oberste Gebot der Kommunikationsguerilla lautet „Verschwiegenheit“...







