Demokratie lernen – aber wo?
Dritter Teil unserer Demokratieserie
Junge Menschen sollen zu „guten Staatbürgern“ und mündigen Demokraten erzogen werden, aber der Staat scheint SchülerInnen eher als Verfügungsmasse zu begreifen, denn als Zukunft der Gesellschaft.
Schon die amerikanische Militärverwaltung stellte 1945 fest, dass das Schulsystem komplett umgebaut gehöre, wolle man die Gesellschaft auf einen demokratischen Weg bringen. Sie regten einige Reformen an, die auch aus einem Wahlprogramm der GRÜNEN hätten stammen können. Aber der einsetzende „Kalte Krieg“ und die erschreckende gesamtgesellschaftliche Situation, die eine ordentliche „Entnazifizierung“ kaum erlaubte, sollte noch jemand für den Aufbau eines neues Staates übrig bleiben, führten dazu, dass Amerikaner, Briten und Franzosen ihre Bemühungen auf andere Ebenen verlagerten. So blieb alles beim Alten. Und so ist es heute noch. Noch heute orientiert sich das deutsche Bildungssystem an bürgerlichen Bildungsidealen aus längst vergangenen Zeiten.
Nur in unseren Schulen sind diese Zeiten scheinbar stehen geblieben. Noch immer halten konservative Bildungspolitiker am dreigliederigen Schulsystem fest. Wider besseren Wissens, denn mitlerweile rügt sogar die UNO das deutsche Schulsystem. Viel liegt im Argen im Bildungsödland Bundesrepublik, aber besonders augenfällig ist neben der sozialen Segregation, die in keinem anderen europäischen Land so vehement durchgehalten wird wie in Deutschland, die mangelnde Demokratie an deutschen Bildungsstätten.
Dieses Defizit zeigt sich zum einen eben in dieser sozialen Auslese, die es nicht jedem Mitglied der Gesellschaft ermöglicht, seine oder ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Zum anderen äußert es sich auch in der Art und Weise, wie mit SchülerInnen umgegangen wird. Da sind Leistungsdruck und Wettkampfgedanke an der Tagesordnung. Wer schlecht ist fliegt und findet sich schneller auf der „Resteschule“ Hauptschule wieder als uns allen lieb sein kann. Nicht individuelle Fähigkeiten sind gefragt, sondern die möglichst perfekte Anpassung an die Lernzielbestimmungen. Untermauert wird dieser Wille zur Gleichmacherei seit neustem auch noch durch das Zentralabitur. Aber auch das elementarste Gut einer demokratischen Gesellschaft, die Mitbestimmung, liegt an NRWs Schulen brach.
Es war ein langer Weg bis zur Einführung der Drittelparität. Zum Schuljahr 2005/2006 war es dann endlich soweit. In NRW saßen VertreterInnen von SchülerInnenschaft, Eltern und LehrerInnen zu gleichen Teilen in den Schulkonferenzen. Eine gute Entwicklung - ist die Schule doch auch für die Herausbildung eines demokratischen Verständnisses zuständig. Mit der Einführung der Drittelparität wurde aus der grauen Theorie endlich eine gelebte Erfahrung. Schülerinnen und Schülern wurde eingeräumt, gleichberechtigt über die Belange ihrer Schule mit zu entscheiden.
Doch es dauerte keine drei Monate, da war es schon wieder vorbei. Die Landtagswahlen 2005 brachten die schwarz-gelbe Landesregierung ans Ruder und mit ihr bildungspolitische Vorstellungen aus der Steinzeit. Die neue Bildungsministerin Sommer stellte erst einmal fest, dass sich die Drittelparität nicht bewährt habe. Nur hatten noch gar nicht alle Schulkonferenzen in dieser neuen Zusammensetzung getagt. Woher sie dieses prophetische Wissen besaß wird ihr Geheimnis bleiben.
Die ausgebaute SchülerInnenmitbestimmung fiel der Novellierungswut der übereifrigen Bildungsministerin zum Opfer und mit ihr ein wichtiger Ansatz zur Demokratisierung der Schule. Auch die großen Proteste der LandesschülerInnenvertretung, die dabei von zahlreichen Verbänden, Gewerkschaften, Asten, sowie GRÜNEN und GRÜNEN JUGEND unterstützt wurden, blieben ungehört. Allerdings verwundert dies kaum, da Schülerinnen und Schüler ohnedies eher als Objekte angesehen werden, denn als mündige junge Menschen.
Im Fokus einer demokratischen Schule sollte aber der Mensch als Individuum stehen. SchülerInnen brauchen eigene Gestaltungsspielräume und die Möglichkeit zur Mitbestimmung. Dazu gehört sowohl die adäquate Repräsentanz der SchülerInnen in den Schulkonferenzen als auch ein Bildungssystem, welches nicht nach dem Bildungsstand und Geldbeutel der Eltern geht, sondern allen die Möglichkeit auf Entfaltung gibt.
Demokratie in der Schule darf nicht länger auf das Verteilen von „Informationen zur politischen Bildung“, den schwarzen Heften der Bundeszentrale für politische Bildung, beschränkt sein, sondern muss integraler Bestandteil einer neuen Schulkultur werden. Schule ist nicht allein ein Ort zur Vermittlung von Wissen, sondern auch ein Ort zur Vermittlung von grundlegenden Fähigkeiten aus sozialen, akademischen und kommunikativen Bereichen. Der Grundstein zu einer demokratischen Gesellschaft wird in den Schulen gelegt. Hier sollen (oder vielmehr sollten) SchülerInnen sich eine demokratische Kultur zu Eigen machen.
Josefine Paul, 24, ist Redakteurin der :>krass und hatte die Idee zur Themenserie.







