Verzicht: Ja oder Nein?
Debatte vor Konsum-LMV
Kurz vor der Landesmitgliederversammlung unter dem Titel "Konsum" am 25. und 26. August starten wir auf unserer Homepage eine Debatte zu diesem Thema.
Mitglieder aus dem ehemaligen und dem aktuellen Landesvorstand haben sich Gedanken über Für und Wider eines Konsumverbots gemacht. Das Ergebnis könnt Ihr hier lesen.
Mitdiskutieren ist übrigens erwünscht! Dafür müsst Ihr Euch im internen Bereich einloggen und könnt dann das Kommentarformular am Ende dieser Seite benutzen.
"Nein" sagen Anna Caelers und Julian Urban
„Konsumverbot – nein danke!“
Im Jahr 2010 beschließt der Bundestag, die Haltung von Haustieren unter Strafe zu stellen. Drei Jahre später wurde der Antrag der GRÜNEN Bundestagsfraktion, den Konsum von tierischen Produkten grundsätzlich zu verbieten, mit überwältigender Mehrheit angenommen. Ab dem Jahre 2018 ist die Einfuhr von Nestlé- und Coca-Cola-Produkten in die Bundesrepublik untersagt. Ethisch korrekter Konsum ist somit in Deutschland zur Regel geworden. Und wie praktisch: Niemand musste darüber nachdenken.
Alle Informationen über die Konsum-LMV und die Anträge findet Ihr hier.
Möchten wir wirklich in einem Land leben, in dem sich niemand darüber Gedanken machen muss, was gerade passiert, weil den Menschen ja gesagt wird, was sie zu tun haben?
Sinnvoller wäre die klare Kennzeichnung von biologisch und nicht biologisch angebauten Produkten, die den KonsumentInnen ermöglicht, eine Wahl zu treffen. Sinnvoll wäre eine dezidierte Informationspolitik der Regierung über die Produktions- und Vertriebsmethoden der Hersteller. Sinnvoller wäre ein System, dass ethisch korrekt produzierte Ware durch positive Werbung belohnt und ihre Produktion subventioniert. Sinnvoller wäre es, die faire und ökologische Produktion von Waren zum Standard zu erheben.
Dass das funktionieren kann, zeigt der Bio-Boom, der durch das im Jahre 2001 eingeführte Bio-Siegel und eine unterstützende VerbraucherInnen-Politik erst ermöglicht wurde. Nach eigenen Angaben kaufen zurzeit etwa 35 bis 40 Prozent der VerbraucherInnen zumindest einmal im Monat Bio-Produkte. Positiver Nebeneffekt: Die ProduzentInnen von Bio-Produkten konnten ihre selbst gewählten Standards dauerhaft einhalten, weil sie ihre Produktion langsam und ökologisch verträglich steigern konnten. Da die Bio-Waren nun auch von großen Discounter-Ketten ins Sortiment genommen wurden, sanken die Preise deutlich. Dieses führte dazu, dass auch Menschen mit niedrigem Einkommen sich für ökologische Ernährung entscheiden können.
Die Konsumorientierung unserer Gesellschaft kann nicht geleugnet werden. Unsere Aufgabe muss es sein, diesen Umstand zu kritisieren - grundsätzlich verändern werden wir ihn in absehbarer Zeit nicht. Vielmehr erscheint es sinnvoll, offensiv um die Akzeptanz und die Notwendigkeit von Veränderungen des eigenen Verhaltens zu werben und durch die Setzung neuer Standards langsam ein Umdenken in der Industrie und beim Konsumenten zu erreichen.
Und diese Akzeptanz und das Verständnis für die Notwendigkeit von Veränderungen bilden die Grundlage für eine nachhaltige Veränderung des Konsumverhaltens – egal, um welche Produkte es geht. Jemand, der nicht weiß, weshalb der Konsum von beispielsweise Coca-Cola nicht ethisch korrekt ist, der wird keinen Grund sehen, sein Konsumverhalten zu ändern.
Ziel grüner Politik ist es, gemeinsam eine Gesellschaft zu gestalten. Ziel kann es nicht sein, durch von oben oktroyierte Verhaltensregeln und Verbote, eine Veränderung nur um der Veränderung willen zu erreichen. Ziel muss es sein, durch eine offensive Informationspolitik über Herkunft und Herstellungsmethoden der Produkte die KonsumentInnen dazu zu bringen, selbst zu entscheiden, ob der Konsum eines Produktes in ihren Augen ethisch richtig oder falsch ist.
Die Grünen, und mit ihnen die Grüne Jugend, setzen sich von jeher für eine Kultur der Selbstbestimmung in allen Bereichen des privaten Lebens ein. Die angestrebte Legalisierung des Cannabis-Konsums ist nur ein Beispiel von vielen.
Trotz all der genannten Argumente kann ein Konsumverbot sinnvoll sein, wenn alle ergriffenen Maßnahmen - seien es Beschränkungen oder Informationskampagnen - nicht gegriffen haben. Das aktuell diskutierte Rauchverbot ist das beste Beispiel dafür. Aber auch hier wird davon abgesehen, das Rauchen grundsätzlich zu verbieten, sondern lediglich die Gefährdung von Dritten verhindert.
Wie soll unsere Gesellschaft der Zukunft nun aussehen? Müssen unsere Gedanken nicht von einer breiten Masse aus der Mitte der Gesellschaft getragen werden, statt einfach nur von der Mehrheit der Menschen befolgt zu werden? Wollen wir nicht lieber eine Gesellschaft von Menschen, die aus Überzeugung handeln statt einer Gesellschaft von Herdentieren?
Anna Caelers und Julian Urban waren Mitglieder des Landesvorstands bis November 2006.
"Ja" sagen Gerrit von Jorck und Lara Haasper
Konsumierst du noch - oder lebst du schon?
„Endlich Bananen!“ titelte die Titanic zur Wende und traf damit den Nerv der Bevölkerung. Die wenigsten haben sich wirklich ernsthaft mit den verschiedenen Systemen in Ost- und Westdeutschland auseinander gesetzt. Der entscheidende Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus, zwischen Demokratie und Diktatur schien der Umstand zu sein, dass es in dem einen System Bananen gab und in dem anderen nicht.
Die Überlegenheit des jeweiligen Systems stieg und fiel mit der Möglichkeit zum Konsum.
Der Konsum der westlichen Welt gestaltet nicht nur maßgeblich die Gegenwart, er ist auch der bestimmende Faktor der Zukunft. Wer sich über Energieeinsparung, globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit Gedanken macht, kommt nicht drum herum die Sonderrechte einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft in Frage zu stellen:
Zehnstöckige Shoppingcenter, alle 500 Meter McDonalds, täglich Kaffee und Kakao.
Der Massenwohlstand des Westens hat uns eine enorme Palette an Konsummöglichkeiten geboten. Wir haben die Freiheit gewonnen, alles überall und zu jeder Zeit zu konsumieren. Da wir andererseits aber auch der „Geiz ist geil“-Mentalität verfallen sind, müssen den Preis für unsere Freiheit andere bezahlen: Entwicklungs- und Schwellenländer, kommende Generationen, Tiere und die Umwelt.
Unter Freiheit verstand sich fast immer die Freiheit zu konsumieren.
Doch was ist das für eine Freiheit?
Zunächst einmal die Freiheit zu überleben, seinen Hunger zu stillen und seine grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen. Aber vor allem in unserer Gesellschaft auch die Freiheit, sich von der Masse abzusetzen, sich in besondere Kreise einzupassen, Schichten voneinander zu trennen: „Kleider machen Leute“!
Dies beginnt sobald wir Menschen aufeinander treffen, im Kindergarten oder in der Grundschule, und perfektioniert sich das ganze Leben hindurch immer weiter.
Welches Kind hat das beste Pausenbrot? Den tollsten Tornister? Einen „Lamy“-Füller? Wer lebt von den Klamotten seines älteren Geschwisterkinds und wer lebt von Altkleidern?
Diese Freiheit kehrt sich jedoch sehr schnell zu einem Zwang um. Aus der Freiheit Turnschuhe zu tragen, wird sehr schnell der Zwang welche zu tragen, wenn du „dazu gehören“ willst. Doch der Mensch weiß sich stets aus solchen Zwangslagen zu befreien. Längst ist er in der Lage zwischen den verschiedenen Rollen zu switchen. Er leistet sich dann Turnschuhe, edle Wildlederschuhe, Chucks und so weiter - je nachdem in welche Rolle er gerade schlüpft.
Ermöglicht wird ihm das durch die günstige Massenproduktion, bei welcher SchichtarbeiterInnen acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche immerzu den selben Handgriff tätigen und sich dabei immer mehr von ihrer Arbeit entfremden, durch die einfache Beschaffung von Rohstoffen, bei welcher unser seit Millionen Jahren bestehendes und ausbalanciertes Ökosystem innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Gleichgewicht gebracht und zerstört wird, durch die billige Beschäftigung von ArbeiterInnen der Entwicklungsländer, welche sich unter menschenunwürdigen Bedingungen für uns kaputt schuften.
Um der durch die Freiheit zum Konsum entstandenen Zwangslage zu entgehen, versklaven wir diejenigen, die selbst nicht konsumieren können, weil wir den Planeten schon für unser Konsumverhalten so stark belasten, dass nicht einmal unseren nächsten Generationen die Freiheit zum Konsum erhalten bleibt.
Das zehnte T-Shirt von H&M können können wir uns nur leisten, weil auf einem anderen Teil der Erde Kinder für uns schuften. Der tägliche Konsum von Fleisch wird uns nur durch die Massentierhaltung ermöglicht und der Zweitwagen ist ebenfalls nur auf Kosten der Umwelt zu haben.
Dieses Konsumverhalten ist kein legitimer Luxus. Es ist von Ignoranz, Verschwendung und Ausbeutung geprägt und zudem noch extrem elitär. Diesen verschwenderischen Lebensstil können sich die Industriestaaten nur auf Kosten der Entwicklungsländer leisten - mehr gibt unser Planet nicht her. Würde die Weltbevölkerung nach unserem Beispiel konsumieren, bräuchte es zweieinhalb Mal soviel Getreide wie heute weltweit produziert wird. Das würde unendlich viele neue Monokulturen und eine weitere Abholzung des Regenwaldes bedeuten.
Somit stellt sich die Frage, ob der Westen überhaupt das Recht auf einen solchen Konsum haben kann. Wie kann eine Minderheit dieser Erde das Recht haben in einem solchen Überfluss zu leben, wenn anderswo Menschen verhungern? Wieso sollten wir das Recht haben in einem Maße zu konsumieren, welches nicht jedem anderen Menschen auf dieser Welt auch möglich ist?
Unser Konsum macht nicht glücklich, nicht frei und nicht gesund. Der Westen muss sein Konsumverhalten grundlegend überdenken, um jedem Menschen auf dieser Welt die gleichen Rechte zuzugestehen und endlich Verantwortung für die nächsten Generationen zu übernehmen.
Gerrit von Jorck und Lara Haasper sind Mitglieder des aktuellen Landesvorstands.







