Bildung nimmt im Leben jeder und jedes Einzelnen eine Schlüsselstellung ein. Sie ist nicht nur Vorbereitung auf das Arbeitsleben, sondern ermöglicht die Selbstentfaltung des Individuums, den Austausch mit Anderen und die Integration in die Gesellschaft. Bildungsinstitutionen wie Kindergärten, Schulen, Universitäten, Fach-, Berufs- und Volkshochschulen sind zentral für das Erlernen und Leben demokratischer Prinzipien.
Das deutsche Bildungssystem erfüllt derzeit alle seine Aufgaben nur mangelhaft: Weder bereitet es junge Menschen auf das Berufsleben vor noch bietet es gleiche Chancen zur Entfaltung für alle noch sind deutsche Bildungsinstitutionen wirklich demokratisch organisiert. Neben zahlreichen qualitativen Kritikpunkten sieht die GRÜNE JUGEND NRW vor allem einen Mangel an Bildungsinvestitionen. Das fängt bei Krippen- und Kindergartenplätzen an, die längst nicht in ausreichender Zahl angeboten werden, und hört bei überfüllten Klassen- und Seminarräumen und einer großen Ausbildungsplatzlücke auf. Es bedarf endlich eines Umdenkens in der Bildungspolitik, um gleiche Chancen für alle zu ermöglichen und sicher zu stellen, dass alle jungen Menschen ihr Potential entfalten können.
Nicht zuletzt das schlechte Abschneiden des deutschen Schulsystems in verschiedenen internationalen Vergleichsstudien zeigt, dass das deutsche Bildungswesen nicht dem Anspruch einer integrativen Wissensgesellschaft gerecht wird. Dabei ist die Schule nur ein Baustein im Konzept des lebenslangen Lernens.

Bildung von Anfang an

Das Lernpotenzial von Kindern in den ersten Lebensjahren wird in Deutschland noch immer unterschätzt. Die Förderung der sozialen, kognitiven und emotionalen Entwicklung muss in den Vordergrund rücken, um Defizite frühzeitig auszugleichen und Chancengerechtigkeit für alle Kinder herzustellen. Unsere Kita der Zukunft steht für einen ganzheitlichen Bildungsbegriff mit dem Dreiklang von Bildung, Erziehung und Betreuung.

Mehr Platz für die Kleinsten!

Die Diskussion über den Ausbau von Kitaplätzen ist eng verknüpft mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das konservative Familienmodell der Hausfrau und Mutter hat sich ausgelebt! Noch immer aber sind nicht ausreichend Kitaplätze für unter Dreijährige vorhanden. Wir wollen den flächendeckenden Ausbau vorantreiben und fordern einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab dem ersten Lebensjahr. In der pluralistischen
Landschaft von Betriebs-, konfessionellen, staatlichen und freien Kindergärten sehen wir eine große Chance für eine vielfältige und individualisierte Kinderbetreuung und frühkindliche Erziehung.

Qualitätsoffensive in den Kitas

Beim Ausbau von Kitaplätzen dürfen Qualitätsstandards, wie die ErzieherInnen-Kind-Relation, die Bildungsinhalte und die Ausbildung von ErzieherInnen, nicht zu kurz kommen. Wir brauchen eine Qualitätsoffensive in den Kitas! Angesichts neuer und veränderter Aufgaben bedarf es eines anderen Ausbildungsniveaus für ErzieherInnen. Damit verknüpft muss eine verstärkte gesellschaftliche Achtung der ErzieherInnen sein, denn sie legen wichtige Grundlagen im Leben unserer Kleinsten. Zukünftige ErzieherInnen müssen
eine Ausbildung auf Fachhochschulniveau erhalten, bereits aktive ErzieherInnen weiter qualifiziert werden. Trotzdem wollen wir den Erziehungsbereich auch für Menschen ohne Hochschulzugangsberechtigung offen halten, zum Beispiel für die Berufsausbildung zur/zum KinderpflegerIn.
Wir fordern einen altersgemäßen und verbindlichen Bildungsplan für die Kitas, der den Dreiklang Bildung, Erziehung und Betreuung berücksichtigt – eine Verschulung lehnen wir ab. Die Kita der Zukunft ist ein Ort, an dem Kinder Selbstbewusstsein, Vertrauen und sozialen Umgang mit Gleichaltrigen lernen und ihre Talente entfalten können. Da immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund hier leben und aufwachsen, verstehen wir die gezielte Förderung der Mehrsprachigkeit als eine zunehmend wichtige Aufgabe der Kita.

Chancengerechtigkeit von Anfang an

Aktuell bleiben vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien und Kinder mit Migrationshintergrund den Kindertageseinrichtungen fern. Unser Ziel ist es, das Recht auf Bildung und frühe Förderung für alle Kinder zu gewährleisten, denn kein Kind darf zurückgelassen werden. Wir fordern deshalb die Einführung einer Kindergartenpflicht für alle Kinder ab drei Jahren. Als Regeleinrichtung im Bildungssystem muss der Kindergarten
in Zukunft beitragsfrei sein, aber auch die Beiträge für die unter Dreijährigen sollen abgeschafft werden. Wir wollen eine steuerfinanzierte Kita – Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern vor Schuleintritt muss endlich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen und deshalb auch von der gesamten Gesellschaft finanziert werden!

Schule der Zukunft

Einen Großteil unserer Kindheit und Jugend verbringen wir in der Schule. Doch viele deutsche Schulen sind keine angenehmen Orte, an denen gerne gelernt wird. Die Schulpflicht wird häufig als lästig und oft als belastender Zwang wahrgenommen. Anstatt Freude am voneinander und miteinander Lernen zu vermitteln, fußt unser Schulsystem auf Selektion, Disziplin und Druck. Die GRÜNE JUGEND NRW fordert eine vollständige
Reform der Schullandschaft, der Bewertungsmaßstäbe, der Lerninhalte und der demokratischen Mitwirkung von SchülerInnen. Die Schule muss zu einem Zentrum verschiedenster Lernerfahrungen werden – Schule muss ein Ort des Lernens und des Lebens sein.

Selektion abschaffen

Heute werden SchülerInnen, der alten Mär der „praktisch“ und der „logisch“ begabten Menschen folgend, schon nach der vierten Klasse für die verschiedenen Schulformen selektiert. Wir glauben nicht daran, dass die Fähigkeiten einem Menschen bereits in die Wiege gelegt werden. Vielmehr sind Unterschiede zwischen Kindern in diesem Alter oftmals auf das soziale Umfeld zurückzuführen. Anstatt diese Differenzen in der Schule auszugleichen, werden sie heute noch zementiert, indem schwächere SchülerInnen unter sich bleiben und ihnen der Zugang zu höheren Abschlüssen erschwert oder gar verwehrt wird. Kinder aus bildungsfernen Familien werden von dieser Selektion ebenso krass benachteiligt wie Kinder mit Migrationshintergrund, die häufig sprachliche Probleme haben. Solange die soziale Herkunft über die Bildungskarriere entscheidet, sind
echte Integration und Chancengerechtigkeit unmöglich. Besonders vor dem Hintergrund einer achtjährigen Gymnasialzeit ist von einer ernsthaften Durchlässigkeit zwischen den Schulformen nicht mehr zu reden.
Noch dazu ist die Hauptschule mittlerweile zu einer Art „Restschule“ geworden, die ihre SchülerInnen zumeist in eine aussichtslose Zukunft entlässt.

Die GRÜNE JUGEND NRW spricht sich deshalb für eine gemeinsame Schulzeit bis zum Ende der zehnten Klasse aus. Anschließend an die gemeinsame Schulzeit folgt eine Ausdifferenzierung in Oberstufe bzw. Ausbildung. Unsere NachbarInnen, allen voran die Pisa-SiegerInnen aus Finnland, machen es uns vor: Längeres gemeinsames Lernen macht schlau!

Wir fordern die Abschaffung der Förderschulen für lernbehinderte und erziehungshilfebedürftigte SchülerInnen (so genannte “LB-Schulen” und “E-Schulen”) und die Integration dieser Kinder und Jugendlichen in den Alltag des Regelschulsystems. Im Bereich der Förderschulen für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen müssen weitere wissenschaftliche Studien ergeben, inwieweit die Integration von Menschen
mit unterschiedlichen Behinderungen in Regelschulen langfristig möglich und sinnvoll ist. Eine weiterreichende Integration halten wir für erstrebenswert. Die Integration in die Regelschulen muss mit einer adäquaten personellen und finanziellen Unterstützung einhergehen. Gemischte Lerngruppen sind auch für Menschen ohne Behinderungen sehr sinnvoll und fördern darüber hinaus das soziale Miteinander ohne Ansehen
von Herkunft, Religion oder Behinderung.

Freude am Lernen statt Sitzenbleiben und Notendruck

Die Leistungsbewertung in der Schule sollte dazu dienen, den SchülerInnen eine Rückmeldung über ihren Lernstand zu geben. Sie darf nicht den Zweck haben, SchülerInnen unter Druck zu setzen oder für eine schlechte Leistung zu bestrafen. Das Bewerten mittels Ziffernnoten aber hat genau diesen Effekt. Es versucht die individuellen Leistungen in schubladenartige Kategorien einzuordnen anstatt sie differenziert zu betrachten.
Wir fordern die Einführung alternativer Formen der Rückmeldung wie individuelle Lernvereinbarungen und Lerntagebücher! Außerdem setzten wir uns für die sofortige Abschaffung der Kopfnoten ein. Verhalten und Charakter eines Menschen sind Teil seiner Persönlichkeit und mit keinerlei Notenmaßstab zu bewerten. Kopfnoten sind nur ein weiteres Disziplinarmittel und besitzen keinerlei Aussagekraft über eine Schülerin
oder einen Schüler.
Ebenso unzeitgemäß ist das Sitzenbleiben. Anstatt gezielt die Defizite von SchülerInnen anzugehen, werden diese mit einem Extrajahr abgestraft. Wir fordern die umgehende Abschaffung des Sitzenbleibens, stattdessen bedarf es einer individuellen Förderung, insbesondere von schwächeren SchülerInnen.
Bis zur Realisation der gemeinsamen Basisschule muss auch das so genannte Abschulen abgeschafft werden.Die individuellen Probleme von Schülerinnen und Schülern lassen sich nicht über eine Art „Verschiebebahnhof“ lösen. Wegsehen und wegschieben sind keine Alternativen zu individueller Förderung!

Demokratie leben

Demokratie darf nicht nur im Politik- und Gesellschaftsunterricht unterrichtet werden, Demokratie muss auch praktisch im Schulalltag gelebt werden. Wenn es um die Ausgestaltung der Lerninhalte, der Notenvergabe und organisatorische Änderungen in der Schule geht, müssen den SchülerInnen mehr Mitspracherechte eingeräumt werden. Die absolute Mehrheit der LehrerInnen in den Schulgremien muss der Vergangenheit angehören,
mit ihr verkommt die Mitbestimmung der SchülerInnen zur bloßen Farce. Wir fordern die Drittelparität in allen Schulgremien – LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern sollen jeweils den gleichen Stimmanteil haben. Auch in den Schulausschüssen der Kommunen muss die SchülerInnenschaft vertreten sein und einbezogen werden.

Lehrqualität verbessern

Die GRÜNE JUGEND NRW fordert, die Lehrpläne deutlich zu entschlacken und schülerInnengerecht zu flexibilisieren. Es muss mehr Raum für die Durchführung von Projekten und Themenwochen geschaffen werden. Lediglich im Frontalunterricht eingetrichtertes Wissen wird häufig schnell wieder vergessen. Entgegenwirkend müssen SchülerInnen Methoden selbst organisierten Lernens beigebracht werden, mit denen sie sich Wissen selbst aneignen können. Das ist ein Beitrag zu lebenslangem und nachhaltigem Lernen. Des Weiteren wird dadurch eine Erziehung zu Demokratie, Selbst- und Mitbestimmungsrecht gestärkt. Ebenso muss das Arbeiten in kleineren Gruppen stattfinden, was individuelle Förderung wesentlich besser ermöglicht.
Schon ab der Grundschule muss politische Bildung als Unterrichtsfach verankert werden. Dieses Fach fällt zusammen mit Kunst, Musik und Philosophie häufig als erstes den Stundenplankürzungen zum Opfer. Dabei sind diese Fächer für die Selbstentfaltung und die demokratische Bildung der Schülerinnen und Schüler von allergrößter Bedeutung.
Interdisziplinäres Lernen bildet eine weitere sinnvolle Ergänzung zum oftmals sehr streng strukturierten Lehrplanaufbau. Das Verknüpfen unterschiedlicher Unterrichtsfächer in Feldern mit thematischer Überschneidung, ermöglicht es Schülerinnen und Schülern fächer- und themenübergreifende Zusammenhänge zu erkennen anstatt lediglich stur Fakten auswendig zu lernen. Auch die LehrerInnenausbildung muss neu überdacht werden. Die Praxisanteile müssen schon in frühen Semestern deutlich erhöht werden. Die GRÜNE JUGEND NRW fordert die Einführung eines Praxissemesters als Teil der Bachelorausbildung. Psychologische, pädagogische und didaktische Inhalte sind für angehende LehrerInnen mindestens ebenso wichtig wie die fachwissenschaftliche Ausbildung. Wir wollen keine frustrierten LehrerInnen, sondern Menschen mit Spaß am Lehren und Lernen! Deshalb ist es wichtig, auch nach Abschluss des Examens Weiterbildungs-, Supervisions- und Austauschmöglichkeiten für die LehrerInnen anzubieten. Lebenslanges Lernen muss von LehrerInnen vorgelebt werden! Ferner muss SchülerInnen im Rahmen der Demokratisierung der Schule die Möglichkeit gegeben werden, den Unterricht zu evaluieren und konstruktive Kritik an ihren LehrerInnen zu üben.

Schule als Ort des Lernens und Lebens

Schule ist mehr als Unterricht. SchülerInnen verbringen hier einen Großteil ihrer Zeit – deshalb muss die Schule ein umfassendes Spektrum von Erfahrungen bieten. Zurzeit ist das genaue Gegenteil der Fall. Viele Schulen sind graue Betonklötze, es gibt kaum Spiel- und Sportmöglichkeiten oder Orte des Entspannens und der Ruhe. Diese Lernkasernen müssen dringend umgestaltet werden, SchülerInnen brauchen Grünflächen und Rückzugsmöglichkeiten. Um integratives Lernen auch baulich möglich zu machen, müssen Schulen zudem generell barrierefrei, ausgebaut sein.
Schule darf nicht nur Wissen weitergeben, sondern muss auch soziale Kompetenzen vermitteln, beispielsweise durch Rollenspiele und Übungen für Fertigkeiten wie Empathie, Konfliktbewältigung und Zivilcourage. Dabei können auch konkrete Vorfälle unter SchülerInnen besprochen und bearbeitet werden. So kann Mobbing und Diskriminierung in der Schule entgegengewirkt werden. Für eine weitere Verbesserung des sozialen
Klimas unter den SchülerInnen ist es wichtig, dass ihnen ausreichend PsychologInnen, SozialpädagogInnen und entsprechende TrainerInnen zur Problemerkennung und -bearbeitung zur Verfügung stehen.
Die GRÜNE JUGEND NRW plädiert für den Ausbau aller Schulen zu Ganztagsschulen. Auf diese Weise können Lerninhalte sinnvoll entzerrt und weiterführende Angebote, beispielsweise im künstlerischen, musikalischen oder sportlichen Bereich, in das Schulleben integriert werden. Individuelle Förderung erhält so einen festen Platz im Schulalltag. Diese Umstrukturierung des Schulalltages bedarf auch bestimmter Anpassungen:
Wir fordern ökologisches, nahrhaftes und finanziell erschwingliches Essen für alle SchülerInnen! Darüber hinaus muss Schule auch sportliche und musikalische Aktivitäten außerhalb des Unterrichts anbieten, etwa in Kooperation mit örtlichen Vereinen und Musikschulen. Denn nur wer positive Erfahrungen mit der Schule verbindet, wird auch gerne lernen.

Betriebliche Ausbildung

Seit einigen Jahren mangelt es jedes Jahr an Tausenden von Ausbildungsplätzen. Es müssen endlich genügend Plätze geschaffen werden, damit jeder/jedem ein Ausbildungsplatz garantiert werden kann. Wir wollen eine Ausbildung, die angemessen auf den Beruf vorbereitet und weder allgemeine noch politische Bildung vernachlässigt. Dabei halten wir die duale Ausbildung für ein Erfolgsrezept, weil sie praktische Elemente im
Betrieb und theoretisches Wissen in der Berufsschule verknüpft.
Es gilt klassische Rollenverständnisse und Geschlechterklischees bei den ausbildenden Betrieben abzubauen, denn aller Emanzipation zum Trotz stoßen Mädchen und Frauen noch immer auf enorme Probleme, wenn sie eine Ausbildung in einem männlich dominierten Berufsfeld anstreben.

Mehr Ausbildungsplätze schaffen

Eines der größten Probleme für Jugendliche in Deutschland ist das mangelnde Angebot an Ausbildungsplätzen. Immer weniger Betriebe bilden noch aus und hunderttausende Jugendliche gehen jedes Jahr bei der Suche nach einer Lehrstelle leer aus. Besonders hart betroffen sind Jugendliche ohne Schulabschluss, zu den VerliererInnen gehören aber in zunehmendem Maße auch MigrantInnen und SchülerInnen mit Hauptschulabschluss.
Die Konkurrenz auf dem Ausbildungsmarkt hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, insbesondere seit sich durch die Einführung von Studiengebühren verstärkt auch AbiturientInnen auf Ausbildungsstellen bewerben. Die VerliererInnen dieser Entwicklung sind die Niedrigstqualifizierten. Die GRÜNE JUGEND NRW fordert einen branchenübergreifenden zentralen Ausbildungsfonds, in den jedes Unternehmen einen festen Anteil der Bruttolohnsummen einzahlt. Aus diesem Fonds soll ein Großteil der
Ausbildungskosten bestritten werden. Dadurch ist das Ausbilden für Unternehmen keine Kostenfrage mehr, stattdessen bieten die Unternehmen auch Ausbildungsplätze an, die tatsächlich dazu bereit sind. Ein solches Modell ist wesentlich flexibler als starre Ausbildungsquoten mit Strafzahlungen bei Nichteinhaltung der Quote. Das Ziel ist es, das Angebot an Ausbildungsplätzen so stark anzuheben, dass nicht nur zahlenmäßig genügend Stellen zur Verfügung stehen, sondern darüber hinaus auch noch eine echte Wahlfreiheit für die BewerberInnen besteht.

Ausbildung inhaltlich verbessern

Neben der Erhöhung von Ausbildungsplätzen bedarf es auch einer Qualitätsverbesserung der gesamten Ausbildung. Die Ernennung von AusbilderInnen durch die Industrie- und Handelskammer ist ungenügend. Wir wollen pädagogisch geschulte AusbilderInnen, die sich ihrer Verantwortung für die berufliche Qualifizierung der Auszubildenden bewusst sind. Auch die Berufsschulen müssen verändert werden, das Berufspflichtschuljahr und die Klassen ohne parallele Ausbildung dürfen nicht als Warteschleifen missbraucht, sondern müssen vielmehr als breit gefächertes Angebot zur ganzheitlichen Bildung des Menschen verstanden und weiter ausgebaut werden. Zudem fordern wir einen leichteren Zugang zur Hochschule nach einer abgeschlossenen Ausbildung.

Rechte der Azubis stärken!

Die GRÜNE JUGEND NRW fordert eine angemessene Vergütung für Auszubildende, denn auch in der Ausbildung muss ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben möglich sein. Um Azubis vor Ausbeutung zu schützen, wollen wir unabhängig vom Tarifvertrag eine verbindliche Lohnuntergrenze einführen. Auszubildende dürfen nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, indem sie in ausbildungsfremden Tätigkeiten beschäftigt werden. Wir wollen die Rechte der Auszubildenden stärken. Es kann nicht sein, dass ihre Vertretung bisher an die Existenz eines Betriebsrats gekoppelt ist. Ebenso wenig akzeptieren wir, dass arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen zwischen Auszubildenden und dem Betrieb nicht vor dem Arbeitsgericht, sondern vor einem Schlichtungsgremium der Industrie- und Handelskammern verhandelt werden. Auszubildende
müssen die gleichen Rechte genießen wie andere Angestellte auch!

Hochschule

Hochschulen sind Orte, an denen kreativ, interdisziplinär und ohne einseitige Verwertungsorientierung geforscht und gelehrt wird. Wir wollen Gestaltungsspielräume und Internationalität der Hochschulen stärken, die Zahl der HochschulabsolventInnen steigern und bessere Studienbedingungen schaffen. Das BAföG muss unabhängig von der Situation der Eltern gezahlt werden, das gesamte Studium muss gebührenfrei sein. Wir stehen für demokratisch verfasste Hochschulen, welche die Mitbestimmung von Studierenden, Angestellten und Lehrenden gewährleisten.

Hochschulzugang vereinfachen – Hürden abbauen

Beim Zugang zur Hochschule entscheidet in Deutschland nicht die individuelle Eignung, sondern der soziale Hintergrund des Elternhauses. Bereits heute studieren über 80 Prozent aller Kinder aus AkademikerInnen-Haushalten. Kinder aus bildungsfernen Gesellschaftsschichten besuchen nur zu gut 20 Prozent eine Hochschule. Dafür verantwortlich sind mehrere Faktoren: Zunächst das Bildungssystem selbst, das durch die starke Selektion Kinder von Nicht-AkademikerInnen systematisch benachteiligt und ihnen keine gleichwertigen Chancen einräumt. Daneben fungieren Numerus Clausus (NC), allgemeine Hochschulreife und Fachhochschulreife als zusätzliche Hemmnisse.
Die GRÜNE JUGEND NRW fordert den flächendeckenden Ausbau alternativer Zugangsvoraussetzungen unabhängig von Schulnoten und -abschluss, wie z.B. hochschulinterne Zugangstests, die es auch Menschen mit einer abgeschlossenen Ausbildung ermöglichen, den allgemeinen Hochschulzugang zu erlangen.

Studiengebühren abschaffen!

Studiengebühren sind unsozial und ausgrenzend, wir treten für ein gebührenfreies Studium ein! Nach unserem Verständnis ist Bildung ein Grundrecht, das unabhängig von Verdienst der Eltern und sozialer Herkunft allen zusteht. Teilhabe- und Chancengerechtigkeit werden durch Studiengebühren untergraben. Wir wenden uns gegen alle Formen von Gebühren, ob nachgelagert, in Form von Studienkonten oder Langzeitstudiengebühren.
Studienkredite können keine Lösung sein, denn sie wirken zusätzlich abschreckend. Die Zeiten, in denen AkademikerInnen sorgenfrei in ein bevorstehendes Arbeitsleben geblickt haben, sind längst vorbei. Auch wenn die Arbeitslosenzahlen bei AkademikerInnen niedriger sind als bei Nicht-AkademikerInnen, haben auch HochschulabsolventInnen häufig eine unsichere Zukunft mit brüchigen Erwerbsbiographien vor sich. Dieses Erwerbsleben mit der Aussicht auf einen riesigen Schuldenberg zu beginnen, schreckt gerade junge-
Menschen aus bildungsfernen Schichten ab. Die soziale Auslese wird an den Hochschulen so noch verstärkt!

Studium finanzierbar machen für alle

Das Studium darf kein Luxus für sozial Bessergestellte sein. Die GRÜNE JUGEND NRW tritt für ein elternunabhängiges BAföG ein, um allen, unabhängig von der Situation der Eltern, ein Studium zu ermöglichen. Die staatliche Ausbildungsförderung muss so ausgestaltet sein, dass StudentInnen sich in erster Linie auf ihr Studium konzentrieren können und nicht die meiste Zeit mit Nebenjobs verbringen müssen.
Besondere finanzielle Unterstützung brauchen StudentInnen mit Kind. Neben finanziellen Hilfen bedarf es hier besonders einer infrastrukturellen Reform der Hochschulen. Zum einen müssen Kinderbetreuungsangebote ausgebaut werden, zum anderen müssen flexible Zeiteinteilungen möglich werden, ohne dass Eltern dadurch ein Nachteil entsteht.

Hochschulreformen sinnvoll ausgestalten

Wir halten die angestrebte Internationalisierung des Hochschulwesens für einen sinnvollen Schritt in die Zukunft. Trotzdem sehen wir erheblichen Nachbesserungsbedarf bei den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen.
In vielen Fällen ist der Stoff der alten Magister- und Diplom-Studiengänge einfach in komprimierter Form in das Bachelorstudium gepresst worden. Diese Verdichtung führt in etlichen Fällen zu Überforderung der Studierenden. Die Anzahl der StudentInnen, die psychologische Hilfe in Anspruche nehmen, ist sprunghaft angestiegen. Auch die angestrebte Reduzierung der AbbrecherInnenquote ist im Großen und Ganzen nicht zu spüren. Zwar hat die stärkere Strukturierung gerade im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften dazu beigetragen, die AbbrecherInnenquote zu reduzieren. In anderen Fächern hat die Verdichtung des Stoffes aber die genau gegenteilige Wirkung erzielt, allen voran an Fachhochschulen. Dort steigen die AbbrecherInnenquoten sogar.
Die angestrebte internationale Vergleichbarkeit ist ebenfalls noch nicht überall gegeben. Der hohe Druck, in sechs Semestern das Bachelorstudium zu absolvieren, führt überdies dazu, dass jegliche Zeitfenster für einen Auslandsaufenthalt im Studium fehlen. Hier müssen dringend flexiblere Lösungen gefunden werden!
Wir fordern außerdem die Masterstudiengänge nicht an einen neuen Bachelor-NC zu koppeln, sondern allen BachelorabsolventInnen die Möglichkeit zum Erwerb eines Masters zu eröffnen. Gleichzeitig muss jedoch auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Bachelor-Abschlüsse steigen, sodass aus dem Bachelor auch eine tatsächliche Berufsperspektive erwächst.

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Die Stärkung der Lehre an den Hochschulen ist längst überfällig. In der deutschen Hochschullandschaft gilt auch weiterhin die Prämisse, dass in der Forschung spitze sein muss, wer etwas in der Wissenschaft werden will. Der Irrglaube, dass gute ForscherInnen automatische gute LehrerInnen seien, scheint weit verbreitet zu sein. Die GRÜNE JUGEND NRW fordert eine didaktische Schulung des Lehrpersonals an den Hochschulen.
Der Stellenwert der Wissensvermittlung muss erhöht werden. Wir wenden uns aber klar gegen so genannte Lehrprofessuren. Die Einheit von Forschung und Lehre darf nicht weiter entkoppelt werden! Eine deutlich stärkere Gewichtung der Lehrleistungen bei der Berufung von Professuren wäre eine Alternative zu einer Trennung in einen Lehr- und einen Forschungsbetrieb.
Um die Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit auch endlich in den Hochschulen auf allen Ebenen einzulösen, fordern wir eine Quotenregelung bei der Berufung neuer Professuren. Bislang sind nur etwa 16 Prozent aller Lehrstühle mit Frauen besetzt, wir streben auch hier Gleichberechtigung an!

Studentische Mitbestimmung stärken

StudentInnen sind keine KundInnen, sondern gleichberechtigter Teil ihrer Hochschule. Deshalb müssen sie auch in angemessener Form an den Entscheidungen beteiligt werden. Die neu eingeführten Hochschulräte sind ein Schritt in die falsche Richtung! Universitäten und Fachhochschulen brauchen keine undemokratischen Leitungsgremien, sondern paritätisch besetzte Entscheidungsgremien, die sich an den Interessen der StudentInnen, der Wissenschaft, der Lehre und der Forschung orientieren. Was sie nicht brauchen, ist ein
Hochschulrat, der die Studierendenschaft als Humankapital versteht und die Hochschule an den Erwartungen der Wirtschaft ausrichten will. Unter Mitbestimmung verstehen wir auch Selbstbestimmung. Die studentische Selbstverwaltung darf nicht beschnitten werden.
Daneben darf auch die Freiheit und marktferne Organisation der Wissenschaft nicht aufgegeben werden. Fächer, die vermeintlich keinen wirtschaftlichen Nutzen haben, sind ebenso wertvoll und erhaltenswert wie Fächer mit einem direkteren Nutzen für die Wirtschaft. In diesem Zusammenhang sehen wir die direkte Förderung von Hochschulen durch die Wirtschaft kritisch. Im Sinne einer freien und selbstbestimmten Hochschule
muss der Einfluss der freien Wirtschaft auf die deutsche Bildungslandschaft in klaren Grenzen verlaufen.