Tofu-Burger und Soja-Kakao
Wie sieht eine vegane Gesellschaft aus? Und wie schafft man es, einen Antrag zu diesem Thema auf einer Mitgliederversammlung der Grünen Jugend NRW durchzusetzen, fragte die :>krass. Der Arbeitskreis Tierrechte berichtet:
Tierrechte sind ein „grünes“ Thema - da zumindest waren wir uns einig. Doch welche Rechte Tieren nun konkret zustehen und welches Verhältnis von Mensch und Tier wir uns in Zukunft wünschen, blieb im Arbeitskreis heiß diskutiert. Wir entschieden uns einen Antrag zu schreiben, der zum einen ein Meinungsbild des Landesverbandes darstellen und zum anderen Tierrechte mehr ins „grüne“ Gedächtnis holen sollte.
Konsequenter Rundumschlag
Doch nun wurde es problematisch: Ein Antrag gegen Tierversuche würde bestimmt ohne Probleme durchkommen, ein Antrag zum vegetarischen Lebensstil umfasst nicht die gesamte Massentierhaltung. Also entschieden wir uns für einen konsequenten Rundumschlag- für die Forderung nach einer veganen Gesellschaft. Mit dem konsequenten Verzicht auf alle tierischen Produkte wäre das menschengemachte Tierleid unserer Gesellschaft für immer vorbei. Pelzfarmen, Massentierhaltung und Tierversuche würde es nicht mehr geben.
Verfasst und diskutiert wurde der Antrag auf dem Bundeskongress der Grünen Jugend in Göttingen. Eine Woche später fuhren wir mit der Unterstützung zweier Fachforen, einer Landesarbeitgemeinschaft und sehr gemischten Gefühlen zur Jahresmitgliederversammlung der Grünen Jugend NRW. Keiner von uns hatte bisher einen Antrag gestellt, dementsprechend groß war die Aufregung. Ob der Antrag wohl eine Chance hatte? Würde die Grüne Jugend wohl verstehen, dass es sich beim Veganismus nicht um eine radikale, verdrehte Theorie handelt, sondern um die Idee einer ökologischen, gewaltfreien und antiausbeuterischen Gesellschaft?
Begrüßt wurden wir mit der Frage: „ Liegen wir ab jetzt unter den Bäumen und warten bis uns das Obst in den Munde fällt?“. Dieser zweifellos scherzhafte Kommentar machte uns dennoch nervös. Auch wer beim Abendessen mit gespitzten Ohren gelauscht hat, hörte mehr als einmal: „Viel zu radikal!“, oder „Visionen sind ja schön und gut, aber diese ist vollkommener Quatsch!“
Eine realistische Vision
Wir sind der Ansicht, dass diese Vision notwendig, aber auch durchaus realistisch ist. Eine vegane Gesellschaft würde sich nicht den ganzen Tag von Karotten ernähren und Jutesäcke tragen. Der Lebensstil würde sich nicht einmal groß ändern. Das neue Fastfood wären Tofu- Burger, in Cafes gäbe es Soja- Kakao und die neuesten Schuhe würden mit hochwertigem Kunstleder produziert werden. Der Konsum würde also der gleiche bleiben, nur mit anderen Produkten. Dieser Ernährungswechsel würde sich positiv auf die Umwelt, sowie auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken. Wohlstandskrankheiten wir Herzinfarkte und Übergewicht würden sich verringern, es könnte vermehrt auf biologischen Anbau gesetzt werde. Eine vegane Landwirtschaft käme mit 30 % ihrer Anbaufläche hin. Auf den dazu gewonnenen Flächen könnten Bäume angepflanzt werden, oder geschützte Gebiete für Tiere entstehen. Die konsequent vegane Gesellschaft hält nämlich gar keine Tiere. Somit gäbe es keine Zirkus-, Zoo- und Haustiere mehr.
„Hiermit ist der Antrag angenommen!“
Während eines Workshops sagte einer: „Wer einen Antrag schreibt muss ihn auch auslöffeln.“ Wir glauben viele Mitglieder haben ein dogmatisches Verbot von Tierprodukten erwartet. Doch darum geht es uns nicht! Ernährung soll Privatsache bleiben. Dennoch freuen wir uns über jede/n, der/die seine Ernährung tiergerechter gestalten will.
Von heute auf morgen vegan zu werden ist nicht ganz leicht. Mensch könnte vielleicht zuerst beginnen kein Fleisch zu essen, dann anfangen die Tierprodukte zu verringern und den Konsum schließlich ganz zu lassen. Wenn Tierprodukte nicht mehr subventioniert würden und somit (zu Recht) teuer würden, wären rein pflanzliche Alternativen viel attraktiver.
Natürlich gab es auch positive Erfahrungen: Spontan sprachen uns Mitglieder an, die den Antrag super fanden und ihn gerne am nächsten Tag mit uns „auslöffeln“ wollten. Das war eine große Motivation für uns, trotzdem hat von uns in dieser Nacht keiner besonders gut geschlafen. War die Grüne Jugend für unsere Visionen offen?
Als es zur Abstimmung kam, waren die meisten von uns ziemlich gespannt. Fred hielt unsere Rede, dann wurde schon gestimmt. „Hiermit ist der Antrag angenommen!“ Es dauerte einen Moment bis wir das Ergebnis realisiert hatten, dann fingen wir an zu jubeln. Davon waren wir wirklich nicht ausgegangen. Nach einer kleinen Änderung im Vorfeld, bei der aus einem „fordern“ ein „befürworten“ gemacht wurde, war der Antrag ohne Änderung durchgekommen. Dieses Ergebnis war ein riesiger Erfolg für uns und für die Tiere.
Die Entwicklung von der Domestizierung von Tieren bis hin zur modernen Massentierhaltung dauerte rund 10 000 Jahre. Natürlich können wir das nicht von heute auf morgen rückgängig machen. Aber dass ein politischer Jugendverband den Mut aufbringt diese Vision zu befürworten ist sicherlich ein bemerkenswerter Schritt.
Der AK Tierrechte, 1, ernährt sich überwiegend vegan. Ein Tier wäre er in dieser Gesellschaft wohl lieber nicht. Hobbys: u.a. Tierrechtsdemos...


