Konflikte im Wandel der Zeit
Globale Konflikte treten in den verschiedensten Facetten auf und geistern häufig auch noch Jahre nach ihrem eigentlichen Beginn durch die Medien. Wo gibt es Gemeinsamkeiten dieser Konflikte, und wie sind sie historisch bedingt?
Konflikte gehören zu unserem Alltag. Sei es nun im privaten Leben mit den Nachbarn, auf der Arbeit oder durch die Berichterstattung in den Nachrichten. Halten Medien einen Konflikt für wichtig genug, so wird ihm sogar ein pauschalisierter Eigenname zugestanden, man hört dann täglich etwas vom „Darfurkonflikt“, oder dem „Nahostkonflikt“. Doch was steckt hinter diesen Konflikten, lassen sich verschiedene Arten aufzeigen, und was waren und sind typische Konfliktherde?
Grundsätzlich ist ein Konflikt laut dem Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung zunächst als Kollision verschiedener Interessen von zwei oder mehr Gruppen anzusehen, seien es nun Staaten, (Nichtregierungs-)Organisationen oder Bürgerbewegungen. Diese Konflikte drehen sich beispielsweise um Territorien (zum Beispiel der Kaschmirkonflikt), Ideologien (schon beendet, aber treffendstes Beispiel: der kalte Krieg) oder den Zugang zu Ressourcen (Kongo).Die Ursachen können sich auch überschneiden und einander bedingen.
Historische Konfliktlinien
Historische Konfliktlinien und ihre Ursachen lassen sich nicht an einer Hand abzählen. Ein solcher Versuch käme einer Pauschalisierung der Weltgeschichte gleich. Dennoch lassen sich bestimmte Muster und Zeiträume erkennen, deren Nachwirkungen teilweise noch bis heute sichtbar sind. So dominierten in der Zeit vor der Reformation Fehden zwischen einzelnen Fürsten und lokalen Herrschern, die auf Erhalt und Vergrößerung ihres Machtbereichs aus waren den Verlauf der Geschichte. Die Gesamtbevölkerung war insofern in den Konflikt eingebunden, als dass sie für die enormen Kosten – sowohl menschlich als auch ökonomisch – aufzukommen hatte.
Der Protestantismus erweiterte diese grundlegende Konfliktlinie lediglich um eine neue Konfession – welche ebenfalls durch die jeweiligen Fürsten bestimmt und der Bevölkerung aufgezwungen wurde.
Eine wirkliche Verschiebung dieser grundlegenden Konflikttendenz lässt sich erst im 18. Jahrhundert erkennen, als die Lossagung einstiger Kolonien vom Mutterland England zur Gründung der Vereinigten Staaten führte. Ein anderer wichtiger Faktor war zudem die französische Revolution, die für kurze Zeit die Macht des Volkes zum ersten Mal in der Geschichte durchscheinen ließ. Diesen beiden Ereignissen kommt bis heute eine wichtige Rolle zu, wobei die Dekolonisation (üblicherweise jedoch nur auf die Ereignisse nach dem zweiten Weltkrieg bezogen) ihren Höhepunkt erst im 20. Jahrhundert erreichte und bis heute nicht vollkommen abgeschlossen ist.
Die sich herausbildende Emanzipation des Bürgertums gegenüber dem Adel und später gegenüber wirtschaftlicher Macht, legte einen Grundstein für die Industrialisierung in den Europäischen Staaten. Diese ist wiederum die Grundlage für die Konflikte zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern, die aus wirtschaftlicher Ungleichheit resultieren. Kurz gesagt sind die Konfliktlinien des 18. Jahrhunderts für die darauf folgende Geschichte und ihre neuen Konflikte mitverantwortlich.
Die Rolle der Ideologien
Was als wichtiger Konfliktfaktor noch fehlt, ist der Nationalismus, welcher die Voraussetzung für die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert schuf. Auch dieser Aspekt hatte Auswirkungen auf andere Entwicklungen, so ist etwa die so rasch stattgefundene Dekolonisation auch eine Resultat der Weltkriege und damit des Nationalismus. Ein letztes wichtiges historisches Konfliktfeld ergibt sich gleichermaßen daraus: der Kalte Krieg. Eine derartige Blockbildung der Ideologien, wie sie nach dem zweiten Weltkrieg stattgefunden hat und die Nationalstaatsproblematik in den Hintergrund rücken ließ, ist ebenfalls ein Resultat dessen. Der Kalte Krieg ist damit genau so in das Geflecht der Konfliktlinien eingebunden.
Konflikte heute
Doch auch der Kalte Krieg ist bereits Geschichte. So ergibt sich die Frage, welche der zuvor angesprochenen Aspekte bis heute eine Rolle spielen und Auswirkungen auf aktuelle Konfliktlinien haben. Um das zu beantworten, bietet sich ein Blick in das aktuelle Konfliktbarometer des Heidelberger Instituts für Konfliktforschung an. Demnach finden sich 33 von 35 schweren Krisen, Kriegs- und kriegsähnlichen Situationen im Jahr 2006 in ehemaligen Kolonien und Protektoraten westlicher Mächte in Asien und Afrika. In vielen Fällen haben sie ethnische und machtbezogene Ursachen, was zum Teil auch ein Resultat der von Kolonialmächten betriebenen willkürlichen Grenzziehung ist. Um die Ausmaße zu verstehen, bietet sich ein Blick auf den sudanesischen Bürgerkrieg (1983-2005) an, bei dem die überwiegend christliche Minderheit im Südsudan für Autonomie von der in Khartum ansässigen islamisch geprägten Zentralregierung kämpfte. Schätzungen über mögliche Opferzahlen gehen von bis zu 1,9 Millionen Toten aus, von denen die meisten Zivilisten waren.
Ein weiteres Beispiel für langfristige Auswirkungen der Kolonialpolitik ist der Völkermord an den Tutsi in Ruanda im Jahr 1994. Dazu muss man wissen, dass die Bevölkerung traditionell in eine vorherrschende Gruppe von Viehzüchtern, den Tutsi, sowie einer untergeordneten Gruppe, den Hutu eingeteilt war. Die Kolonialmächte Deutschland und später Belgien bauten ihren Verwaltungsapparat auf diesen Unterschieden auf, und zementierten die zuvor durchlässige Zugehörigkeit zu einer der Volksgruppen mit einer Eintragung dessen im Pass. Erst durch diese tief greifende Entscheidung wurden die Entwicklungen, die zum Genozid an den Tutsi im Jahre 1994 führten möglich.
Für diese Konfliktlinie des Postkolonialismus lassen sich noch zahlreiche andere Beispiele finden, jedoch spielen heutzutage auch neue Arten von Problemen eine wichtige Rolle. Mit einer immer schneller zunehmenden Globalisierung stellt sich die Frage, inwiefern alle Menschen einen gleichen Zugang zu den Profiten, aber auch zu Grundressourcen wie Wasser und Nahrungsmitteln haben.
Zukünftige Konflikte
Wird ein Ausblick in die Zukunft unter Berücksichtigung der aktuellen Situation gewagt, so ist eine große Anzahl an potenziellen Konflikten erkennbar. Schon ein Rückblick auf die ersten sechs Jahre dieses Jahrhunderts liefert genügend Stichworte um zahlreiche Voraussagen zu treffen.
So könnte der Konflikt zwischen verschiedenen Kulturkreisen (insbesondere des abendländisch-westlichen und des muslimischen) ähnlich wie der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington es in seinem Werk „Zusammenprall der Kulturen“ vorausgesagt hat, eine größere Rolle spielen. Jedoch zeigt das weitgehend friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen in der Welt, dass auch dies eine vereinfachte Sicht der Dinge darstellen würde. Die Tatsache, dass sich Attentate z.B. im Irak auch häufig gegen Muslime einer anderen Konfession richten, und nicht nur gegen die ausländischen Militärs, unterstreicht dies noch zusätzlich.
Schließlich spielen nicht nur religiös-kulturelle Werte sondern auch ökonomische Faktoren eine Rolle. Sie werden vor allem bedingt durch die zunehmende Globalisierung und die rasche Entwicklung in Indien und China. Hier sind Konflikte zwischen den Verlierern und Gewinnern einer solchen Entwicklung vorprogrammiert. Diese Konflikte spielen sich dann nicht nur zwischen (zwei) Staaten ab, sondern auch zwischen Menschen innerhalb eines Staates oder Systems. Zudem werden sie immer drängender, denn es ist zu befürchten, dass die Schere zwischen Arm und Reich auch weiter auseinander geht.
Überhaupt ist es nicht sicher, ob Staaten im 21. Jahrhundert und darüber hinaus noch die Rolle spielen, die ihnen einst zukam. An ihre Stelle könnten zunehmend international agierende Konzerne treten. Ein systematisches Zukunftsorakel legt eine US-amerikanische Expertenkommission, das „National Intelligence Council“, alle fünf Jahre in einem Bericht vor, der jeweils einen Blick 15 Jahre in die Zukunft wagt. Für das Jahr 2020 wird etwa davon ausgegangen, dass der Prozess der Globalisierung weiter voranschreitet, die Weltwirtschaft entsprechend wächst und mit dem zunehmenden Einfluss von Schwellen- und Entwicklungsstaaten die westliche Vorherrschaft immer geringer werden wird. Spannungen können bei dieser Entwicklung vor allem in den Ländern auftreten, die weiterhin nicht in der Lage sind am Wandel mit entsprechender Geschwindigkeit teilzunehmen.
Dabei besteht laut dem Bericht insbesondere in Ländern mit einem instabilen Regierungssystem die Gefahr immer größerer Diskrepanzen zwischen den armen und reichen Bevölkerungsschichten. Es wird befürchtet, dass die betroffenen Länder dadurch global weiter zurückfallen. Auch könnten die westlichen Mächte Probleme dabei haben, sich damit anzufreunden, dass mit Indien und China zwei neue Mächte weltweit Geltung anstreben und zunehmend eine Führungsrolle in der Welt übernehmen. Zudem wird der Islam als Gefahr angesehen, die Stabilität auf der Welt zu gefährden.
Wie die Zukunft auch wird, ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass falsches Handeln zu irgendeiner Zeit weit reichende Konsequenzen haben kann, die sich nur in den wenigsten Fällen voraussagen lassen. Die Hoffnung bleibt, dass die Menschen sich dessen in Zukunft bewusst sind und solche Fehler nicht noch mal begehen. dan


