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Sound der Globalisierung

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ sagte Adorno. Doch was Adorno nicht wusste: es gibt verdammt gute Musik im globalisierten Kapitalismus. Das macht ihn nicht besser, aber erträglicher. Der Soundtrack der Revolution, wenn sie denn irgendwann mal kommt, wird groß, und er heißt Mestizo.


Es ist schummrig im Partykeller, die Scheinwerfer leuchten die Tanzfläche auf der sich Menschen im Grüne-Jugend-Alter zu heißen Ska-Rhythmen bewegen nur mäßig aus. „La Carencia“ von Panteón Rococó, das Lied, das  aus den Boxen schallt, verbreitet Partystimmung. Dass es neben der fröhlichen Musik noch eine andere Ebene hat merken die meisten der von Bier, Musik und anderen Dingen, wie der wohlbekannte süßliche Duft andeutet, Berauschten nicht. Denn Panteón Rococó machen, wie viele andere Bands, die in diesem Artikel noch erwähnt werden, nicht nur unverschämt guten Ska bzw. Mestizo, sie haben auch eine politische Botschaft. „In einer globalisierten Welt / Haben die armen Leute keinen Platz / Und der Mangel wächst / und die Gehälter sinken“ heißt es in „La Carencia“ (der Mangel). Panteón Rococó aus Mexiko gehören einer neuen Generation von Bands aus Lateinamerika an, die in ihrer Musik die teilweise katastrophalen Auswirkungen  der Globalisierung auf ihre Länder thematisieren.


Globalisierungskritische Musik


Kritische Musik hat in Lateinamerika Tradition – schon während der Zeit der Militärdiktaturen und autoritären Regime gab es eine politische Musikszene. Nach dem Ende der Militärjuntas erfuhr die Bewegung eine Repolitisierung,  die sich vor allem im Protest gegen die neoliberale Politik westlicher Institutionen, wie Weltbank und IWF, richtet. Diese bestand vor allem im Abbau von Zöllen, Einsparungen bei sozialen Ausgaben und der Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen, die statt des erhofften Wirtschaftswachstums neue Finanzkrisen produzierten, viele Menschen arbeitslos machten und so die soziale Ungleichheit verschärften.


Die Bands sind Teil des Protests oder unterstützen in mit ihrer Musik. Die eben erwähnten Panteón Rococó fühlen sich der indigenen Guerillaorganisation der Zapatisten verbunden, die am 1994 zahlreiche Städte der Provinz Chiapas besetzten. Auf einem ihrer Alben lassen sie Subcommandante Marcos, eine der Leitfiguren der Zapatisten, zu Wort kommen. In ihrem Kulturzentrum fördern sie junge Musikgruppen.


Die weit verbreitete Solidarität mit den Zapatisten sowie Antirassismus und der Blick auf die sozialen Folgen der Globalisierung eint die Bands, die auch andere Bewegungen wie die Bewegung gegen Freihandelszonen und die Weltsozialforen, die besonders in Lateinamerika stark verankert sind, aber auch lokalere Bewegungen wie die Piqueter(at)s aus Argentinien, die die Regierung in der Finanzkrise 2001/02 erfolgreich zu einem Umlenken bewegten, oder die Landlosenbewegung in Brasilien unterstützen. Bei den Protesten sind die Bands oft mit dabei oder unterstützen sie mit ihrer Musik, durch Konzerte oder Sampler.


Diese Sampler und CDs der Bands sind es, die ihre Kritik auch zu uns tragen. So spiegelt die Musik nicht nur das Lebensgefühl der Protestbewegung, sondern ist auch Vehikel, das  den Protest gegen eine ungerechte Globalisierung nach Europa trägt.


Grenzübergreifende Musikkultur


Noch etwas macht Mestizo zu einer grenzübergreifenden Musik. Mestizo, früher ein Schimpfwort, bezeichnet eine Mischung westlicher Musik wie Punk, Hip Hop, Ska oder Reggae mit traditioneller lateinamerikanischer Musik wie Cumbia oder Salsa. Zu der traditionellen westlichen Kombination Schlagzeug, Gitarre, Bass kommen also noch Posaunen, Trompeten und auch Saxophone hinzu, die dem Mestizo den typischen Klang verleihen. Die  fröhliche Musik steht dabei in einem Spannungsverhältnis zu den sozialkritischen Texten. Gerade das ist das Spannende an Mestizo, einer Musik, zu der jedeR tanzen kann, bei der aber meist die politische Botschaft im Vordergrund steht. Mestizo zeugt von einer grenzenlosen Experimentierfreude, in der verschiedene kulturelle Einflüsse verschmelzen - ein erster Eindruck wie eine globale Kultur aussehen könnte. Und so beschränkt sich die Szene natürlich nicht nur auf  Lateinamerika.


Auch in Europa sind Panteón Rococó, Tijuana No!, Todos Tus Muertos und andere Mestizo-Bands populär. Vor allem  im Südwesten Europas gibt es eine sehr lebendige europäische Mestizo-Szene. Zu den wichtigsten europäischen KünstlerInnen sind zu zählen: Manu Chao,  den schon zehntausende auf dem Hurricane Festival sehen konnten, sowie seine ehemalige mittlerweile aufgelöste Band Mano Negra, Sargento Garcia und Amparo Sánchez, die „Königin des Mestizo“. Ein Thema, das spezifisch für die europäische Mestizo-Musik zu sein scheint, ist Migration. Davon handeln auch die Texte von „Irie Revoltes“, einer 11-Mann-Truppe aus Heidelberg, die sich mit ihrer Mischung aus Reggae, Ragga, Ska, Dancehall und Hip Hop für eine bessere Welt einsetzt.


Trotz vieler fantastischer KünstlerInnen aus Europa und Lateinamerika stagniert die Beliebtheit von Mestizo, wie Holger von Lucha Amada, einem Kollektiv auf Köln/Bonn, das sich der Popularisierung von Mestizo verschrieben hat, meint. Henning Stoppel, der zusammen mit einigen FreundInnen das Label „Übersee Records“ gegründet hat, sieht das ähnlich.  Gleichbleibende Verkaufszahlen bestätigten dies, doch hätten sich einige Bands „mittlerweile live einen gewissen Status erspielt.“  Damit mehr Menschen Mestizo hören, möchte ich euch den Sampler „Mestizo Music. Rebellion en America Latina“ ans Herz legen. Er bietet einen Querschnitt durch die internationalen Mestizo-Szene. Vielleicht kommt ihr ja auf den Geschmack.       al


:> www.articulation.name
:> www.lucha-amada.de
:> www.uebersee-records.de