(K)ein Königreich für (k)ein Logo
Deutschland und die Welt - beide in der Krise. In der Bundesrepublik stöhnen die Bürger unter der Mehrwertsteuererhöhung, die Gesundheitsreform droht zu einem Desaster zu verkommen, Angela Merkel ist Kanzlerin. Ansonsten überall dunkle Wolken: die EU-Verfassung droht zu scheitern, Angela Merkel wird zur mächtigsten Frau der Welt, der Irak-Krieg eskaliert, der Klimawandel auch und auch sonst: Deutschland, ein Sommermärchen? Von wegen! Mitten in diese Phase voller Orientierungslosigkeit und Verzweiflung platzt Anfang Dezember ein politisches Großereignis: Der Grünen-Parteitag.
Nun gab es Zeiten in der Geschichte der Bundesrepublik, da starrten Freund und Feind gleichsam gespannt auf solch einen Parteitag. Hier wurden Themen gesetzt und die Dinge debattiert, vor denen die etablierten Parteien Angst hatten, auch nur darüber nachzudenken. Hier wurde wirklich debattiert. Hier wurde noch in Lagern gestritten und keiner wusste so genau, was am Ende wieder raus kommt. Das waren noch Zeiten...
Fast fühlte man sich an alte Zeiten erinnert. Denn Es wurde wieder gestritten auf der BDK in Köln. Und zwar richtig. Man stritt über die wirklich wichtigen Dinge. Die Dinge, die Menschen bewegen, die sie dazu bewegen grün zu wählen. Richtig. Man stritt um – das Logo der Grünen Partei. Oder besser, man stritt um das Prinzip, dass jeder Farbklecks, den irgendwer im Namen der Grünen macht, vorher mindestens mit Zwei-Drittel-Mehrheit von einem Parteitag abgenickt werden muss. Ansonsten wird mit den Funktionären geschimpft. Aber richtig!
„Das Grün sieht aus wie Magenauswurf!“, sagte der Eine, während draußen Menschen von 345 Euro monatlich dahinvegetieren müssen. „Die Sonnenblume darf nicht geviertelt werden!“, urteilt Einer im Angesicht von Grundsicherung und Grundeinkommen. „Bündnis 90 darf nicht kleiner sein, als Die Grünen“, grantelt eine Dritte, die den Irakkrieg vorläufig vergessen hatte. „Und dass da unten so Buchstabenschnipsel fehlen, das wird der Parteispitze die Wiederwahl arg schwer machen“, urteilt ein Vierter angesichts des Klimawandels. Mit solch einer hemmungslosen Lust am Unwichtigen sind auf Grünen-Parteitagen selten die weltpolitischen Probleme ignoriert worden.
Dafür wurde bei Grüns mal wieder mit längst verloschen geglaubter Leidenschaft debattiert. Debatten hätte es auch so genug geben können. Über Sozialpolitik zum Beispiel. Aber da schliefen die meisten Delegierten und Fernsehteams ja noch (zur Freude des Bundesvorstandes?). Über die Frage, welcheR MedienexpertIn sich den Begriff „radikaler Realismus“ als Bezeichnung für die Grüne Umweltpolitik hatte einfallen lassen – und wie man ihn/sie radikalstmöglich pazifistisch für diesen kommunikatorischen Supergau bestrafen könnte. Über Grundeinkommen und Grundsicherung. Über Politikverdrossenheit. Über Rechtsradikale. Oder so. Über Inhalte eben. Das hatte sich die Basis ja gewünscht.
Und wenn es mal etwas abzustimmen gab, was vielleicht von einer gewissen politischen Relevanz sein könnte, wie z.B. die Wahl des Bundesvorstandes, dann fanden die Delegierten aber noch ein viel größeres Problem über das eine Generaldebatte sicher interessant gewesen wäre: die neuen Abstimmungsgeräte. Das strukturkonservative, grüne Fundiherz wäre fast kollabiert, wandte sich dann aber doch widerwillig den Wahlgängen zu. Und fragt man, woher dieses Verhalten kommt, dann bekommt man zu hören: Die Grünen sind endlich wieder in der Opposition. Und werden es wohl auf absehbare Zeit auch bleiben. Nun rate mal, wieso.


