Europäisch leben - aber wie?
Kann man europäisch leben? Und wenn ja, wie geht das? Unsere neue Aushilfe für die Mitgliederverwaltung hat schon fast überall in Europa gelebt. Die :> krass hat einfach mal nachgefragt.
Nele Marie Florence Swanton - schon der Name klingt europäisch. Der Vater ist Ire, die Mutter stammt aus Belgien und lebt nun mit Neles kleinem Bruder im schwäbischen Rottweil. Die ältere Schwester studiert in Spanien. Neles Freund kommt aus Deutschland, arbeitet aber jetzt in Irland. Nele selbst wohnt gerade in Köln - vorläufig. Mit 20 Jahren besitzt sie sowohl einen irischen als auch einen belgischen Pass und spricht fließend drei Sprachen. Sie ist in Deutschland zur Schule gegangen, hat in Irland ein Jahr gejobbt – jetzt jobbt sie bei uns.
Verwirrend? Nein, für Nele ist das ganz normal. Europäisch eben.Nele sieht typisch irisch aus. Klein, mit rotblonden Haaren. Ziemlich quirlig. Aber ist das nicht ein blöder Gedanke - so ein Klischee? Nele zumindest reagiert genervt wenn man sie fragt, als was sie sich eher sähe- Irin oder Deutsche? „Was soll das? Ist doch nicht wichtig. Als beides- oder keins von beidem.“ ist Neles Kommentar dazu. Europäisch leben, das bedeutet auch, unabhängig zu sein. Nele definiert es so: „Zu Hause, das ist da, wo die Familie ist. Und meine lebt eben nicht nur in einem Land.“ Zu Hause in ganz Europa. Natürlich macht ein Leben über alle Grenzen hinweg die Dinge auch komplizierter. Ein kurzer Besuch bei Verwandten ist nicht drin. Und dass ihr Freund nun so weit weg lebt, das findet sie „schon blöd“. Da würde sie sich gern „einfach mal hinbeamen“ können.
Für die Beziehung die Lebensplanung ändern, das kommt für Nele allerdings nicht in Frage. „Meine Familie ist noch nie länger als 4 Jahre an einem Ort geblieben“ erzählt sie. „Ich möchte auch noch einige andere Länder sehen. Wenn ich allein wegen meines Freundes in Irland bliebe, hätte ich keinen Respekt mehr vor mir. Und er wohl auch nicht.“ Nele träumt davon, Schauspielerin zu werden. Momentan bewirbt sie sich an Schauspielschulen in ganz Deutschland. Doch auf 8 Plätze pro Schule kommen mehrere Hundert BewerberInnen. Da muss man schon Geduld haben.
Für die Zwischenzeit ist Nele nach Köln gezogen. Das liegt einfach relativ zentral. Ihren Lebensunterhalt finanziert sie sich selbst- momentan bei der Grünen Jugend. Da ist das Geld zwar manchmal ein bisschen knapp, aber das ist ihr der Traum wert. „Klar wäre es einfacher, wenn ich studieren würde und BaFöG bekäme. Aber erstens habe ich mein Abi nicht gemacht- das war einfach nichts für mich. Außerdem möchte ich eben Schauspielerin werden.“ Und wenn es dann doch nicht klappen sollte mit den Schauspielschulen, dann will sie in zwei- drei Jahren zurück nach Irland. Dort kann sie an der Uni Schauspiel studieren- auch ohne Abitur.
Nele führt ein Leben in ganz Europa. Doch ist sie dadurch auch europäisch? „Die EU finde ich schon ziemlich kompliziert.“ erklärt Nele. „Es ist relativ schwer alle Strukturen zu durchschauen. Ich hätte allerdings ein paar Wünsche: Die Euroeinführung war zum Beispiel echt praktisch. Aber man sollte mehr vereinheitlichen. Ich kann in Deutschland nicht wählen, weil ich für die deutsche Staatsbürgerschaft meine zwei anderen aufgeben müsste. Warum kann man das nicht ändern?“
Trotzdem: Ein Leben wie Nele es führt, ist durch die europäische Integration möglich gemacht worden. Wenig Hürden an den Grenzen der EU Mitgliedsstaaten, kaum bürokratische Kontrollen, keine Aufenthaltserlaubnis, die Chance überall zu studieren, überall zu arbeiten. Das was Nele heute lebt, versucht die EU seit Jahren zu fördern. Und wie sieht es aus mit den kulturellen Differenzen? Dass es so etwas noch großartig gibt, bezweifelt Nele. Im Alltag merkt sie es nicht. Höchstens an Weihnachten. Das feiert Nele nämlich in Belgien. Und dort ist Weihnachten eigentlich schon an Nikolaus.


