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Der Nationalstaat: Veraltet oder zukunftsfähig?

Europäische Integration auf der einen, Unabhängigkeitsbewegungen auf der anderen Seite. Zwei Begriffe die auf den Nationalstaat abzielen und doch ganz unterschiedliches wollen und tun.

Die EU scheint ihn zu entmachten, die Unabhängigkeitsbewegungen in aller Welt streben ihn an, den Nationalstaat.

Die Linke hat von jeher ein gespaltenes Verhältnis zur Nation - besondere Identifikation mit der Nation ist ihr suspekt.

Die WM im Sommer führte zu einer scheinbaren Rückbesinnung auf die Nation - auch Junge Grüne schmückten sich im allgemeinen Partypatriotismus in schwarz-rot-gold.

Aber was ist nun mit dem Nationalstaat? Gehört er abgeschafft oder sollte er erhalten bleiben?

 

"Erfolgskonzept!"

 

Die Nation ist ein Konstrukt, ein Konzept, ein Gedanke. Sie ist erdacht und deshalb keine unabänderliche Tatsache. Aber sie ist erfolgreich - ein erfolgreiches Konzept. Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson hat dies in seinem Buch “Die Erfindung der Nation” sehr deutlich gemacht. Er beschreibt darin, was nötig ist, um eine nationale Gemeinschaft zu konstruieren. Ganz entscheidend ist dabei die “vorgestellte Gemeinschaft”.

 

Eine nationale Gemeinschaft ist deshalb vorgestellt, weil sich die meisten ihrer Mitglieder nie persönlich gegenüberstehen werden. Sie haben aber dennoch das diffuse Gefühl einer Gemeinschaft. So haben wir es beispielsweise bei der WM erlebt. Auf einmal hüllte sich das ganze Land in schwarz- rot-gold und fand es wunderbar. Vier Wochen lang fühlte sich ein ganzes Land wie in einem Klinsi- Fanclub. Das verband die Leute und hat sie zu friedlichem Feiern auf die Straße getrieben, mit anderen “Nationalmannschaftsfanclubs” zusammen, die wiederum “ihr” Team unterstützten. Identifikation mit dem eigenen Land, aber nicht gegen andere. Und alle zusammen wiederum vereint im weltweiten Fußballfanclub.

 

Ein romantischer Gedanke, der mit der Realität leider wenig zu tun hat. Trotzdem wäre es zu einfach zu glauben mit der Abschaffung der Nation ließen sich die Probleme der Welt lösen. Denn was auch immer mensch nun im Einzelnen von der Nation hält, festzuhalten bleibt, dass das Konzept historisch ein großer Erfolg ist. Die ganze Welt teilt sich heute in Nationen ein. Während in Europa viele Menschen bereits eine neue Form der Organisation anstreben und vom “Europa der Regionen” träumen, geht der Prozess der “Nationwerdung” in anderen Teilen der Welt noch weiter.

 

Das Konzept der Nation scheint nichts an seiner Attraktivität verloren zu haben. Noch immer scheint es der Inbegriff der Souveränität zu sein. Die Fragmentierung in immer mehr Nationalstaaten ist für viele Regionen der Welt die Antwort auf die Globalisierung. Immer mehr souveräne Staaten tauchen auf der Landkarte auf.

 

Noch immer scheint die Nation der Weg in die internationale Gemeinschaft. Die Nation hat sich als Konzept in einem bestimmten historischen Kontext entwickelt. Sie füllte die Lücke, die sich aus dem Zerfall der klassischen, religiös legitimierten Herrschaftsformen ergab. Sie machte den Menschen zu einem wichtigen Bestandteil, manchmal aber auch bloßem Gegenstand, politischen Denkens und Handelns. Die Nation gab und gibt den Menschen die Möglichkeit sich als Teil eines Ganzen zu begreifen, sich zu identifizieren.

 

Bislang schafft es noch kein anderes Konzept eine so große Identifikation zu schaffen, wie die Nation. Auch wenn es natürlich außer Frage steht, dass die Identifikation mit der Nation in ihrer Überhöhung zum Nationalismus nichts Positives gebracht hat. Trotzdem ist Identifikation für jede Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens notwendig.

 

Es mag sein, dass wir in Europa und in anderen Teilen der so genannten westlichen Welt bereits in einer neuen historischen Phase angekommen sind, die es uns ermöglicht neue Formen der sozialen und politischen Ordnung auszuprobieren und zu leben, große Teile der Welt haben aber noch nicht einmal die Entwicklungsstufe der Nation erreicht. Sie suchen noch nach einer eigenen und vor allem souveränen Identität. Es wird also noch dauern, bis die Geschichte ein neues Kapitel aufschlägt und die Welt sich in Regionen eint, statt sich in Nationen zu teilen.




Josefine Paul
, 24, ist :>krass-Redakteurin, studiert Geschichte in Münster und meint, dass zur Dekonstruktion erstmal etwas konstruiert werden muss.

 

 

 

"Impotent!"

 

Hand aufs Herz: Wer fühlt sich hier als Westfale? Wer als Rheinländerin – oder schlimmer noch – Kölnerin? Wer als Ruhri? Wer als EuropäerIn? Und wer als DeutscheR?

 

Sicher „gehört es sich“ als ordentlicheR GrüneR, LinkeR bzw. AlternativeR, kritisch gegenüber jeder Art von Nationalismus zu sein und sich international-kosmopolitisch auch als EuropäerIn oder WeltbürgerIn zu fühlen. Dennoch wird gesamtgesellschaftlich die nationale Ebene in unserem jetzigen System völlig überbewertet und überbetont: durch politische Kompetenzen, Hymnen, Sportteams bei internationalen Wettkämpfen und so weiter.

 

Dabei ist der Nationalstaat in seiner modernen Form eine Erfindung des 18./19. Jahrhunderts als Versuch, eine kulturell-ethnische „Nation“ in eine „Staats“form zu pressen. Ein Auswuchs dieser Operation ist mit den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts deutlich geworden.Eine Lehre aus dieser Katastrophe – die Europäische Integration – ist bis heute ein Erfolgsprojekt. Jedoch fehlt es Europa an demokratischer Legitimation –  kein Wunder, fehlt es doch vor allem an Identifikation der BürgerInnen mit Europa und am Willen der Regierenden, politische Kompetenzen dort anzusiedeln, wo sie effektiv sind.

 

Dass die soziale Sicherung z.B. noch immer alleinige Sache der EU-Mitgliedstaaten ist, ist ein Treppenwitz der Geschichte der letzten Jahrzehnte: Der EU ist es wunderbar gelungen, einen gemeinsamen Binnenmarkt zu schaffen. Bei der Bewältigung der Risiken dieses Marktes – Erwerbslosigkeit, Armut, Krankheit – versagt sie jedoch völlig. Dies ist Sache der Nationalstaaten, die dazu aber allein schon finanziell immer weniger in der Lage sind. Was entsteht, ist ein zerfaserter Nationalstaat, der impotent seine Aufgaben in einer EU bzw. einer zusammenwachsenden internationalen Gemeinschaft nicht mehr ordentlich bewältigen kann.

 

Dasselbe gilt für andere Themen: Wozu bitte braucht es in Europa noch eine nationale Außen- oder Verteidigungspolitik? Wozu nationale Armeen? Warum darf die EU (deren Wirtschaft wie keine andere auf den Wandel zur Wissensgesellschaft angewiesen ist) nicht europaweite Standards bei der ErzieherInnenausbildung oder den schulischen Inhalten definieren? Gemeint ist damit nicht etwa ein „europäischer Superstaat“. Denkt man vielmehr diesen Gedanken nämlich zu Ende, landet man schnell beim Konzept eines „Europa der Regionen“, das auf der regionalen Identität basiert, die (so manche SoziologInnen) stärker ausgeprägt ist als die nationale.

 

Das trifft für Deutschland sicher zu: Friesen, Franken, Westfalen, Schwaben, Bayern, Sachsen – alles eigene Völkchen. In anderen Nationalstaaten wird dies schon schwieriger, doch auch dort ist das Konstrukt „Nationalstaat“ oft künstlich, man denke nur an Ex-Jugoslawien oder Belgien. „Der Nationalstaat ist illegitim, denn er ist gegen das europäische Volk gerichtet“, so der „Urvater“ des europäischen Föderalismus, Altiero Spinelli.

 

Dieses „europäische Volk“ teilt gemeinsame Werte, eine gemeinsame kulturelle Geschichte, demokratische und rechtsstaatliche Errungenschaften, die nur Europa eigen sind. Europa braucht daher mehr Öffentlichkeit, mehr Bewusstsein und mehr demokratische Mitsprache seiner BürgerInnen. Am Nationalstaat in seiner jetzigen Form festzuhalten wäre Selbstbetrug und Selbsterhalt der regierenden Eliten. Die Förderung einer regionalen und einer europäischen bzw. weltbürgerlichen Identität muss einen höheren Stellenwert bekommen.

 

Leicht ist das mit Sicherheit nicht, denn die Betonung des „Nationalen“ ist seit wir denken können ein Mittel, um Identität zu stiften. Politisch ist dies schon lange nicht mehr einsichtig, denn der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts ist im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß, sondern impotent. Eine Diskussion um seine Überwindung ist daher keine spinnerte Idee, sondern lohnenswert, um unsere politischen Systeme und das Regieren zu demokratisieren.




Sven Lehmann, 27, ist studierter Politikwissenschaftler, Mitglied im Landesvorstand der NRW-Grünen und fühlt sich als Kölner, Rheinländer, NRWler, Franzose und Europäer.