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20. November 2005

Demokratie macht Schule – Schulen stark machen gegen Rechtsextremismus

Beschluss der Jahresmitgliederversammlung der Grünen Jugend NRW vom 20.11.2005

Antragstellerinnen: Julia Seeliger, Anna Caelers


60 Jahre nach dem Ende des „Dritten Reichs“ greift rechtsextremes,
antidemokratisches Gedankengut stark um sich. Die rechtsextreme Szene versucht sich planmäßig in der Jugendkultur in Ost- und
Westdeutschland festzusetzen. In manchen Gegenden ist dies schon gelungen: Linke, Behinderte, JüdInnen oder MigrantInnen müssen um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten, mancherorts ist es zur Normalität geworden, sich zu bestimmten Tageszeiten nicht mehr auf die Straße trauen zu können. Solche Zustände, in denen der oder die Einzelne sich nicht mehr angstfrei im öffentlichen Raum bewegen kann, werden wir nicht hinnehmen!
Auch in NRW sind die Nazis auf dem „Vormarsch“. Die rechtsextreme Szene ist nicht nur ein ostdeutsches Problem! Besonders besorgniserregend die Situation in Dortmund: Manche Stadtteile drohen zu „NoGoAreas“
1 zu werden, hier gibt es einen hohen Anteil an gewaltbereiten Neonazis. Überall im Ruhrgebiet gibt es aktive Kameradschaften. Auch im ländlichen Raum NRWs sind rechtsextreme Kameradschaften aktiv – besonders „erfolgreich“ sind die Neonazis im Sauerland.


Aktive Menschenrechtsbildung als Aufgabe der Schule

 

Den Schulen kommt beim Engagement gegen Rechtsextremismus eine besondere Bedeutung zu. Parteipolitik gehört nicht in die Schulen; das bedeutet aber keinesfalls, dass Schulen politikfreier Raum sein sollen im
Gegenteil! Neben der Vermittlung der Rahmenbedingungen unseres politischen Systems sollte es auch selbstverständlich sein, dass in unseren Schulen die Werte des Grundgesetzes, die Menschenrechte und umfassende Kenntnisse über die menschenverachtende Ideologie und die Verbrechen
der Nazis vermittelt werden.


Und dies gehört nicht nur in den Geschichts- und Politikunterricht, Demokratie- und Menschenrechtsbildung ist eine Querschnitssaufgabe! So sollen derartige Aspekte im Biologieunterricht thematisiert werden; die Darwin'sche Evolutionslehre muss kritisch auf ihre Gültigkeit und Notwendigkeit für die Biologie des Menschen hinterfragt und diskutiert werden. Anknüpfungspunkte sollen nicht nur Kritik an der NS-Rassenlehre,
sondern auch auch aktuell diskutierte Themen wie die Präimplantationsdiagnostik2 oder die IQMessung sein.


LehrerInnen argumentativ und inhaltlich schulen


Oftmals können LehrerInnen nicht erkennen, dass sich jemand gerade auf dem Absprung in die rechtsextreme Szene befindet. Es ist auch schon vorgekommen, dass LehrerInnen bei Diskussionen mit jungen Nazis, bei der Konfrontation mit deren geschlossener Weltanschauung die Argumente ausgingen. Deswegen gehören auch Kenntnisse über die rechtsextreme Szene (zum Beispiel Musik, Kleidung, Zahlencodes) und  Argumentationshilfen ganz klar in die LehrerInnenausbildung und -fortbildung.


Innovativ und erfolgreich können Projekte sein, in denen die LehrerInnen von ihren SchülerInnen lernen. Denn niemand kennt die aktuellen Tendenzen in der rechtsextremen Jugendszene so gut wie die Jugendlichen selbst. Solche Projekte sollten nur von geschulten und kompetenten LehrerInnen durchgeführt werden.


Lebendige Gedenkkultur

 

Jede und Jeder sollte innerhalb der Schulzeit eine KZ-Gedenkstätte
besucht haben. Es ist ein Skandal, dass Schwarz-Gelb
in NRW die Gelder für Gedenkstättenfahrten massiv zusammengestrichen hat! Wir fordern die Landesregierung auf, diese Streichung umgehend rückgängig zu machen.


Für eine funktionierende Gedenkkultur ist es auch nötig, dass LehrerInnen in ihrer Ausbildung lernen, wie sie den SchülerInnen die Grundwerte unserer pluralistischen Gesellschaft und die deutsche Geschichte spannend, lebensnah und fächerübergreifend nahebringen können. Es reicht nicht, eine unmotivierte Schulklassse einmal innerhalb der Schulzeit durch ein KZ zu schleifen – der Besuch der Gedenkstätte muss pädagogisch fruchtbar aufgearbeitet und selbstverständlich vor- und nachbereitet werden.


Der 9.November als vielfach besetzter Jahrestag in der Deutschen Geschichte muss aktiv im Unterricht thematisiert werden. Schwerpunkt muss dabei das Gedenken an die Pogrome3 an den Jüdinnen und Juden im November 1938 sein. Denkbar ist die Teilnahme der gesamten Schule an  Gedenkveranstaltungen, aber auch kurzweiligere Unterrichtselemente sind möglich – so beispielsweise Filmvorführungen oder ein Projekt-Tag
„Jüdisches Leben früher und heute“.


Demokratie als Querschnittsthema

 

Demokratie muss Querschnittsthema in unseren Schulen werden! Echte
SchülerInnen-Partizipation4 muss endlich in allen Schulen Realität werden so
können SchülerInnen Demokratie von Anfang an leben und lernen. Die schwarzgelbe Regierung in NRW ist aufgefordert, die von Rot-Grün
verabschiedete Drittelparität von LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen in den Schulkonferenzen beizubehalten!


Wer teilhaben und mitentscheiden kann, ruft viel seltener nach einer "starken Hand". Denkbar ist auch die Schaffung eineR „DemokratieVertrauenslehrerIn“, die die Querschnittsarbeit im Bereich der Schuldemokratie koordiniert und Projekte entwickelt. Alternativ kann darüber nachgedacht werden, eine SozialarbeiterInnenstelle für das Engagement gegen Rechts direkt in der Schule anzusiedeln.


Politik soll mehr als bisher praktisch erfahrbar werden! So ist es beispielsweise denkbar, die kommunale Politik mehr als bisher in den Politikunterricht und in die Projektarbeit einzubeziehen. So können SchülerInnen ganz praktisch lernen, wie sie in ihrer Kommune5 aktiv etwas ändern können. Dafür muss sich Schule ändern – aber auch die kommunale Politik muss mehr als bisher auf die Schulen zugehen und die Zusammenarbeit suchen. Auch der NRWLandtag bietet praktische Politik zur
Anschauung – Die Landes-PolitikerInnen sind gefordert, dieses Angebot mehr als bisher in die Schulen zu tragen. In die Bundespolitik kann beispielsweise durch Abgeordnetenfahrten hineingeschnuppert werden.

 

Schule soll zudem auch dazu aufrufen, an antifaschistischen Demonstrationen teilzunehmen. Ganztagsschule als Perspektive
Ganztagsschule ist mehr als bloße „Aufbewahrung am Nachmittag“. Auch die
Nachmittagszeit muss genutzt werden, um Angebote zu schaffen, die den
Jugendlichen Demokratie nahe bringen; außerdem sollen die  Nachmittagsangebote SchülerInnen in „besonders gefährdeten“ Stadtteilen Hilfe bieten, sich selbst Perspektiven außerhalb der rechtsextremen Szene zu erschließen. Wichtig ist es vor allem, eine Alternativkultur neben der – oftmals hegemonialen6 rechtsextremen Kultur anzubieten. MusikSportund
Theaterprojekte bieten eine Alternative zur NaziKultur.


So kann dieses Nachmittagsangebot neben den AlternativKulturProjekten
auch ganz konkret aus „DemokratieProjekten“ bestehen. Hierfür können SozialpädagogInnen und LehrerInnen, vor allem aber auch lokal ansässige, demokratische NGOs und politisch aktive Menschen eingebunden werden. Die SchülerInnen sollen in diesen Projekten erfahren, dass sie selbst durch Engagement ihr Lebensumfeld ein Stückweit verändern können. Sie können ihre Welt ein kleines bisschen besser machen – und dies vor allem unter Beachtung der „Spielregeln der Demokratie“.

 

Schule der Vielfalt als Garantin für starke SchülerInnen


Die von den Grünen und der Grünen Jugend geforderte „Schule der Vielfalt“
ermöglicht eine wesentlich erfolgsversprechendere „ZivicourageErziehung“
als das konventionelle Schulsystem mit Frontalunterricht und der Zentrierung auf „autoritäre“ LehrerInnen. SchülerInnen erhalten in der „Schule der Vielfalt“ mehr Freiheiten – wer in einer solchen Schule gelernt hat, wächst zu einem selbstbestimmteren Menschen heran, denn von früh an müssen sich die SchülerInnen ihre Zeit und Arbeit selbst einteilen; sie bekommen schon in den ersten Klassen Verantwortung für sich und andere. Schon allein durch ihre Struktur leistet die „Schule der Vielfalt“ also einen aktiven Beitrag zur ZivilcourageBildung.


Glossar:
1: NoGoArea:
Politisch korrektes Wort für „National befreite Zone“. Ein Ort/Gegend, in denen Rechtsextreme durch Gewalt und Einschüchterung das Gesamtbild so stark prägen, dass sich Menschen „nichtdeutscher Abstammung“, so genannte AusländerInnen; sowie sich als links oder alternativ verstehende Jugendliche und andere von Rechtsextremen als "fremd" und "feindlich"
bezeichnete Menschen wie Homosexuelle, Juden, Behinderte,  DemokratInnen, GewerkschafterInnen… nicht mehr in ihm auf die Straße oder in Einrichtungen wie Clubs, Kneipen, Diskotheken etc. wagen können.


2: Präimplantationsdiagnostik: Unter dem Begriff Präimplantationsdiagnostik (PID) werden gentechnische Methoden zusammengefasst, die dazu dienen, im Vorfeld einer künstlichen Befruchtung bestimmte Erbkrankheiten und Chromosomenbesonderheiten zu erkennen, um danach zu entscheiden, ob die Zygote in die Gebärmutter eingepflanzt werden soll oder nicht. Eine solche Technik könnte dazu führen, dass weniger behinderte Menschen geboren werden. Dies stellt eine Abwertung behinderten Lebens dar. Im weiteren Sinne kann man mit dieser Technik genau bestimmen, welche Gene der Zellhaufen hat; dies könnte zur Folge haben, dass in weiter Zukuft, bei einer Legalisierung dieser Technik, die Augenfarbe, der „IQ“ oder andere Eigenschaften des werdenden Kindes vorher „bestellt“ werden können.


3: Pogrom: Als Pogrom (der oder das) bezeichnet man eine gewaltsame Massenausschreitung gegen Mitglieder religiöser, nationaler oder ethnischer Minderheiten der eigenen Gesellschaft, verbunden mit Plünderung und Mord. Am Abend des 9.November 1938 begannen in ganz Deutschland die nationalsozialistischen Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung. Mit ihnen begann die systematische Vertreibung, Enteignung und dann Vernichtung der JüdInnen aus Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus.

4: Partizipation: Teilhabe, Mitbestimmung

 

5: Kommune: Das französische Wort „commune“ heißt übersetzt Gemeinde. Häufig wird Kommune als ein Oberbegriff für Gemeinde, Kreis und andere Gemeindeverbände verwendet. In Deutschland gibt es ca. 13.000 Kommunen unterschiedlichster Größenordnungen. Mit diesem Begriff kann man also abstrakt Städte, Gemeinden und Landkreise in einem Aufwasch umschreiben – sehr praktisch.

 

6: Hegemonie: Unter Hegemonie (griech. Oberbefehl, Führerschaft) versteht  man Vorherrschaft bzw. Überlegenheit. Andere Gruppen haben in der Praxis kaum Möglichkeiten, ihre Vorstellungen gegenüber dem „Hegemon“ durchzusetzen; die theoretische / juristische Möglichkeit mag dazu zwar  egeben sein, aber die Umsetzung scheitert an den Einflussmöglichkeiten und der Stärke des Hegemons. Hier in dem Text bedeutet die Formulierung mit der Hegemonie, dass es keine andere Kultur als die rechtsextreme Kultur gibt.

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