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7. November 2004

Schule der Vielfalt – Schule der Zukunft!

"Schule zum Ort des Lernens UND Lebens machen" war, ist und bleibt unser Leitmotiv.

Die GRÜNE JUGEND NRW hat auf ihrer Landesmitgliedversammlung im März 2002 ein umfassendes Konzept zum Umgang mit den Ergebnissen der PISA-Studie und zum rundlegenden Umbau des Schulsystems beschlossen.

 

Bis zur Landtagswahl 2005 wird die GRÜNE JUGEND NRW weiter intensiv für eine "Neue Schule" werben. Eine Schule, in der Lernen wieder Spaß macht. Eine Schule, die alle SchülerInnen einbezieht und nach ihren Fähigkeiten fördert, ob Nicht-Deutsche oder Deutsche, Mädchen oder Jungen, Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, ob aus bildungsnahem oder bildungsfernem Elternhaus. Wir setzen auf Integration statt auf Selektion. Gemeinsam Lernen macht klug! Wir wollen individuelle Förderung statt Abschulung, Leistungsdruck und Notenzwang.

 

Die GRÜNE JUGEND NRW wirbt mit fünf zentralen Projekten für den Umbau des NRW-Schulsystems:

 

1. Unsere Schule der Zukunft ist eine Schule, in der Lernen Spaß macht. Die jetzige Schulkultur ist durch Notendruck und Leistungszwang gekennzeichnet.

 

Aber: Nicht für Noten, sondern für uns lernen wir! Deshalb muss das Sitzenbleiben bis zum Ende der Sekundarstufe I abgeschafft werden und an die Stelle individuelle Förderung am Nachmittag und in den Ferien treten. Die frei werdenden Mittel sollen vor allem der Förderung von SchülerInnen mit Lerndefiziten zu Gute kommen. Außerdem soll ein generelles Abschulungsverbot durchgesetzt werden. Eine Schule darf ihre SchülerInnen nicht "abschieben", sondern ist verpflichtet, sie zum Erfolg zu führen. Die Schule muss sich am Lernenden orientieren, nicht umgekehrt.

 

Weiterhin fordern wir ein Umdenken in der Leistungsbewertung. Nichts ist ungerechter als die jetzige Ziffernnotenvergabe. Statt dessen fordern wir individuelle Bewertungen und Lernzielvereinbarungen, Lerntagebücher und Lernberichte, wie sie in den skandinavischen Ländern existieren. Diese gehen einher mit genauen Förderempfehlungen und entsprechender Unterstützung.

 

Zu einer neuen Schulkultur gehört ebenfalls, dass keine Entscheidung innerhalb der Schule ohne die Mitsprache der SchülerInnen getroffen werden darf. Wir fordern ein durchgängiges System der Mitbestimmung. Schon in der Grundschule sollen SchülerInnen in der Schulkonferenz beratend mitwirken können. In der Sekundarstufe I fordern wir die "Drittelparität" (Verhältnis 1:1:1 SchülerInnen, LehrerInnen, Eltern) und für die Oberstufe die gleichberechtigte Mitsprache von SchülerInnen und LehrerInnen, mit den Eltern allenfalls beratend. Ein Beispiel für eine konstruktive Zusammenarbeit in der Schule bieten die SchülerInnen-Eltern-LehrerInnen-Arbeitstreffen, die Impulse für die Schulkonferenz geben können. Zudem soll durchgesetzt werden, dass die SchülerInnenschaft einer Kommune VertreterInnen in die kommunalen Schulausschüsse entsenden darf.

 

2. PISA, IGLU und alle internationalen Vergleichsstudien haben’s gezeigt: das deutsche Schulsystem ist nicht in der Lage, Chancengleichheit für Kinder aller sozialer Zusammenhänge zu gewähren.

 

Die mangelnde Konzentration auf die frühkindliche Bildung, die frühe Selektion auf verschiedene Schulformen und der fehlende Ganztagsrhythmus – all dies vergeudet wertvolles Potenzial.

 

Das System gehört revolutioniert! Wir fordern, den Bildungsauftrag des Kindergartens zu stärken und die fachliche Ausbildung der ErzieherInnen auf europäisches Niveau anzuheben. In der Grundschule sind die Leistungen der Kinder noch nahe beieinander. Davon müssen wir profitieren. Ein Urteil über die weitere Entwicklung des Kindes ist zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Anstatt alle SchülerInnen in verschiedene "Schubladen" zu stecken und auf ewig ihre Bildungs- und Lebenschancen festzulegen, fordern wir eine "Schule der Vielfalt" für alle bis zum Ende der Sekundarstufe I. In dieser integrativen und binnendifferenzierten "Basisschule" profitieren alle voneinander. Der Rest der Welt macht’s uns vor! Insgesamt ist für eine generelle Schulzeitverkürzung nur sinnvoll und akzeptabel bei der beschriebenen Stärkung der ersten Bildungsstufen.

 

3. Wir wollen die Ausbildung der Lehrkräfte für die NRW-Schulen völlig neu gestalten, und zwar nach dem Prinzip "Weniger Wissenschaft – mehr Praxis und Pädagogik!"

 

Dazu gehört, dass Lehramts-Studierende verpflichtend zwei Schulpraktika bis zum Zwischenexamen absolvieren müssen und danach auch problemlos in andere Studiengänge wechseln können, wie es auch die neue gestufte Lehramts-Ausbildung vorsieht. Der Kontakt mit der Schulpraxis muss intensiviert werden durch frühe selbständige Unterrichtsvorbereitung und -durchführung. Wir wollen keine frustrierten LehrerInnen, sondern Menschen mit Engagement und Spaß am Lehren und Lernen. Dazu gehört auch der frühe Kontakt mit Multikulturalität und verschiedenen sozialen Herkünften von SchülerInnen. Statt wissenschaftlicher Ausbildung sollte der Anteil an Pädagogik, Psychologie und Didaktik (v.a. im Bereich der Neuen Medien) erhöht werden.

 

Außerdem muss der Austausch zwischen aktiven LehrerInnen und Hochschule ausgebaut werden. Von solchen Kooperationen und Weiterbildungen können beide Seiten nur profitieren. "Lebenslanges Lernen" gilt auch für die Lehrkräfte. So könnten zum Beispiel auch die Schulen darin unterstützt werden eigene Programmen zum Erfahrungsaustausch und zu einer gemeinsamen "Supervision" ihrer Arbeit zu entwickeln. Die LehrerInnen müssen nicht immer als EinzelkämpferInnen dastehen. Schließlich ist ja noch keinE (Schul)MeisterIn vom Himmel gefallen!

 

4. Die jetzigen Schulen sind oft graue Beton-Klötze, in denen sterile Wissensvermittlung stattfindet.

 

In unseren Schulen der Zukunft findet das Leben statt! Wir wollen ein ganztags geführtes Schulangebot mit einer Mischung aus Bildung, Sport, Kultur, Projektarbeit, Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung. Nur so können SchülerInnen einen positiven Bezug zur Schule und damit zum Lernen aufbauen. Deshalb fordern wir den Ausbau der Offenen Ganztagsgrundschulen und der ganztags geführten weiterführenden Schulen. Wir wollen entsiegelte, naturnahe Schulhöfe mit behindertengerechten Schulgebäuden, die mittags ökologisch nahrhaftes Essen anbieten. Die Schule ist keine Insel. Eine Ganztagsschule bedeutet kein Ende des Vereinslebens, sondern eine neue Chance. Kooperationen von Schule mit Sportverein oder Musikschule eröffnen so neue Möglichkeiten für alle Beteiligten. Schule - ein Ort des Lebens und Lernens eben!

 

5. Zu einem der wesentlichen Ziele junggrüner Schulpolitik gehört die Entrümpelung der Lehrpläne.

 

Schule muss sich auf das Wesentliche und auf die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen konzentrieren. LehrerInnen und SchülerInnen brauchen mehr Gestaltungsspielraum für neue Themen und Projekte. Vor allem wollen wir die politische Bildung stärker und schon ab der Grundschule durchgängig verankern, um alle SchülerInnen zu selbständigen, mündigen BürgerInnen zu erziehen. Dazu gehört auch ein qualitativ besserer Unterricht zum Thema Europa und die verpflichtende Festschreibung von mindestens zwei lebendigen Fremdsprachen innerhalb der Schulpflicht, davon eine während der Grundschule. Ein besonderer Augenmerk liegt auf der frühzeitigen sprachlichen Integration von Kindern mit Migrationsintergrund. Sprachliche Förderung in Mutter- und Zweitsprache verhindert Isolation, steigert das Bildungsniveau und beugt Vorurteilen und Abgrenzung vor. Schon im Kindergarten muss gezielt Sprachförderung von ausgebildeten Fachkräften vorgenommen werden. Außerdem soll die Förderung von Lesekultur und musikalisch-künstlerischen Fähigkeiten einen besonderen Stellenwert erhalten und die frühe Einführung der Fächer Ethik und Praktische Philosophie sowie Pädagogik zum festen Bestandteil der allgemeinen Bildung werden. Weiterhin fordern wir eine möglichst frühe und progressive Sexualerziehung in der Schule. Diese muss die vielfältigen Formen von Sexualität erklären und deren Akzeptanz fördern. LehrerInnen und Unterricht müssen verstärkt dazu beitragen, Geschlechterrollen zu entlarven und zu einem emanzipierten Umgang mit diesen zu befähigen. Unsere Schulpolitik orientiert sich am Leben!

 

 

Wir fordern von Bündnis 90/Die Grünen NRW, sich im Landtagswahlkampf mit aller Kraft für die grundlegende Neugestaltung des Schulsystems einzusetzen. Das jetzige System gehört in die Mottenkiste angestaubter Vorstellungen vom Lehren und Lernen. Integration und Förderung, nicht Selektion ist die Aufgabe von Schule. Nicht kleinschrittige Reförmchen, sondern nur der große Wurf wird die Zukunftschancen aller Kinder und Jugendlichen und damit der Gesellschaft sichern können.

 

Bildung geht vor!

 

Beschluss der Jahresmitgliederversammlung der Grünen Jugend NRW vom 7. November 2004

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