Schule zum Ort des Lernens UND Lebens machen!
Forderungen der GRÜNEN JUGEND NRW zum Umgang
mit den Ergebnissen der PISA-Studie
PISA und die Folgen sind in aller Munde - und das ist gut so!
Die GRÜNE JUGEND NRW verfolgt die öffentliche Diskussion mit großem Interesse, aber auch mit etwas Besorgnis: wie so oft, wenn es um Schul- und Bildungspolitik geht, kommen die eigentlich Betroffenen der Bildungsmisere, die Schülerinnen und Schüler, kaum zu Wort. Statt dessen überschlagen sich sogenannte "Bildungsexperten" damit, über die Köpfe der Jugendlichen hinweg deren Zukunftschancen zu planen.
Die GRÜNE JUGEND NRW hat mit ihrem Positionspapier "Schule zum Ort des Lernens und Lebens machen" grundlegende Visionen für eine gerechtere, effektivere und damit bessere Schulpolitik formuliert - und zwar aus jugendlicher Sicht. Wir fordern von den BildungspolitikerInnen endlich den nötigen Mut zu grundlegenden Reformen, anstatt sich weiterhin an Kleinigkeiten festzubeißen.
Daher fordern wir, innerhalb der anstehenden bildungspolitischen Reformen folgende Kernforderungen mittel- bis langfristig umzusetzen:
1. Die GRÜNE JUGEND NRW fordert, den Bildungsbegriff vollkommen neu zu formulieren. Schule und Bildung müssen dabei Teil einer intensiven, individuellen Förderkultur sein, die die Weichen für ein lebensbegleitendes Lernen stellt. Die jetzige Selektionskultur hingegen zementiert und verschärft soziale Benachteiligungen und muss daher dringend korrigiert werden. Wie z.B. in den skandinavischen Ländern sollte daher auch die summative Notenvergabe in ihrer jetzigen Form dringend abgeschafft und andere Wege der Leistungsbewertung geschaffen werden.
2. Die viel zu frühe Differenzierung in verschiedene Schulformen bereits im Alter von 10 Jahren ist ein Relikt einer frühen Selektionspolitik. Kindern werden damit schon im Alter von zehn Jahren Rollen zugewiesen, die sie zu erfüllen haben. Kein anderes europäisches Land kennt diese frühe Differenzierung in verschiedene Schulformen. Auch in der Bundesrepublik muss diese Selektionskultur endlich korrigiert werden. Die GRÜNE JUGEND NRW fordert daher einen integrativeren Ansatz in unserem Schulsystem und eine Differenzierung allerfrühestens nach sechs Schuljahren.
3. In puncto "Spaß am Lernen" ist die Bundesrepublik ein schulpolitisches Entwicklungsland. Schule wird von vielen Kindern und Jugendlichen als Ort der Pflicht empfunden, an dem man sich nur ungern aufhält. Die GRÜNE JUGEND NRW will, dass Schule zu einer Art für alle offenem "Schülerzentrum" umgestaltet wird, in dem nachmittags die Möglichkeit besteht, in Clubs und AGen zu arbeiten, zu musizieren, die Schulbibliothek zu nutzen oder mit den Sportmannschaften der Schule zu trainieren. Dafür muss die nötige schulische Infrastruktur geschaffen werden. Um das nachmittägliche Betreuungsangebot kostengünstig zu verwirklichen, sollte jede Kommune eine Kooperation zwischen den Schulen und freien Trägern der Jugendhilfe, Sport- und Kulturvereinen und Musikschulen fördern.
4. Die GRÜNE JUGEND NRW begrüßt den Vorstoß der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Kindergarten und Grundschule durch ein einführendes Vorschuljahr im Alter von fünf Jahren stärker zu verzahnen. Auch wir treten für eine deutliche Aufwertung der frühkindlichen Bildung ein und fordern daher, finanzielle und personelle Mittel stärker für den Elementar- und Primarbereich zur Verfügung zu stellen. Das Recht auf einen Kindergartenplatz muss konsequent umgesetzt werden, da bereits in der frühkindlichen Entwicklung die Weichen für die gesamte Lernbiographie gestellt werden.
5. Kindergarten und Schule haben eine Schlüsselstellung bei der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in unsere Gesellschaft. Wir fordern daher eine zielgenaue Sprachförderung für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und/oder Sprachproblemen, möglichst schon vor Schuleintritt. Heutige Klassenzimmer sind zunehmend multikulturell und sollten daher auch verstärkt als Orte interkulturellen Lernens begriffen werden.
6. Die GRÜNE JUGEND NRW spricht sich klar für die bundesweite Abschaffung des Beamtenstatus für LehrerInnen und eine Übernahme in ein Angestelltenverhältnis aus. Wir fordern weiterhin eine stärker praxisorientierte Lehrerausbildung. Dazu gehört neben frühen und mehreren Praktika und einer stärker studienbegleitenden Fachdidaktik auch eine Aufwertung des erziehungswissenschaftlichen Begleitstudiums in den Lehramtsstudiengängen. Die fachübergreifende Kompetenz ist zu erweitern. Außerdem müssen LehrerInnen regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen, um vor allem im Bereich der Didaktik und der Neuen Medien auf dem neuesten Stand zu bleiben.
7. Wir fordern alle Schulen auf, den Aspekt der Berufsberatung stärker in den Vordergrund zu rücken. Viele SchülerInnen fühlen sich beim Übergang von Schule zum Beruf nur unzureichend informiert und beraten. Vor allem Betriebspraktika dienen der verbesserten Berufsfindung. Daher fordert die GRÜNE JUGEND NRW, innerhalb der Schulzeit mehr und längere Praktika durchzuführen. Außerdem sind vor allem solche Lehrkräfte zu fördern, die mit ihren SchülerInnen Lebenswegplanungen und Berufsberatungen durchführen.
8. Ein stärkeres demokratisch legitimiertes Mitspracherecht für Kinder und Jugendliche muss endlich auf allen Ebenen realisiert werden. Dazu gehört vor allem, SchülerInnen bei der Ausgestaltung ihres Unterrichts, ihrer Schulvereinbarungen etc. mit einzubeziehen. In den schulischen Gremien sind SchülerInnen stärker zu vertreten. Absolute Mehrheiten der Lehrerschaft in diesen Gremien sind abzuschaffen. Außerdem fordern wir alle Kommunen auf, stimmberechtigte Sitze in den kommunalen Schulausschüssen für VertreterInnen der Schülerschaft einzurichten.
9. Die GRÜNE JUGEND NRW fordert eine Aufhebung der strikten Trennung von Sonder- und Regelschulerziehung. Durch eine ergänzende behindertenspezifische Förderung kann eine Integration in die Regelschule erfolgen. Das Recht der Betroffenen, eine sonderpädagogische Einrichtung zu besuchen, bleibt aber unberührt.
10. Wir sprechen uns klar für eine grundlegende Reform der Lehrpläne aus, und zwar eine deutliche Reduzierung auf das Wesentliche. Ein Ausmisten der oft überfrachteten Curricula brächte nicht nur mehr Zeit für Projektarbeit und fächerübergreifenden Unterricht, sondern auch weitere Reduzierung des Frontalunterrichtes.
11. Nur ein rigoroses Ausmisten und ein schülergerechtes Flexibilisieren der Lehrpläne schafft den Raum dafür, das Abitur nach 12 Schuljahren zu ermöglichen. Wir betonen aber die Wichtigkeit der Jahrgangsstufe 11 als Option. Nicht nur besteht hier die Möglichkeit für die SchülerInnen, beim Wechsel der Schulform einen Einstieg in die Oberstufe zu bekommen. Auch ist hier die Zeit, um durch Auslandsaufenthalte oder Praktika auch außerschulische Erfahrungen zu sammeln.
12. Die GRÜNE JUGEND NRW fordert, dem Politik- und Gesellschaftskundeunterricht einen höheren Stellenwert einzuräumen. Diese sozialen Kernfächer müssen ab der fünften Klasse kontinuierlich bis zur zehnten Klasse obligatorisch unterrichtet werden. VertreterInnen aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und anderer gesellschaftlicher Gruppen sollten in diese Unterrichtseinheiten mit einbezogen werden.
13. Die Sitzenbleiber-Kultur ist nirgends so ausgeprägt wie in Deutschland. Frust und Demotivation sind so oft die Folge und vermiesen die Lust aufs Lernen. Wir als GRÜNE JUGEND NRW fordern daher, bis zum Abschluss der Sekundarstufe I auf Sanktionen in Form von Sitzenbleiben zu verzichten.
14. Wir fordern Bildungspolitik und Verantwortliche in den Schulen auf, besondere Begabung als Ausdruck einer individuellen Persönlichkeit endlich anzuerkennen und entsprechend zu fördern. Hier geht es nicht um eine intensivere Eliteförderung, sondern darum, SchülerInnen mit besonderer Begabung soziale Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen und auch sie entsprechend ihrer Persönlichkeit zu fördern.
15. Um eine Qualitätssicherung in unserem föderalen Bildungssystem zu gewährleisten, sprechen wir uns dafür aus, dass Bund und Länder einen jährlichen Bildungsbericht vorlegen, der eine bessere Evaluation der institutionalisierten Bildung ermöglicht. Außerdem muss, um eine bessere Vergleichbarkeit der Leistungen in den Ländern zu ermöglichen, die KMK zu einem parlamentarisch kontrollierten Gremium erweitert werden und verstärkt Impulse durch den Bundestag aufnehmen und diese als einheitliche Standards in den Ländern umsetzen müssen.
Die GRÜNE JUGEND NRW appelliert an den Landesvorstand und die Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen NRW, künftig bei wichtigen Vorstößen in den Bereichen Schul- und Bildungspolitik miteinbezogen zu werden.
Fundierte und praxisnahe Reformen in unserem Bildungssystem können nur mit der Jugend gemeinsam durchgeführt werden. Die GRÜNE JUGEND NRW versteht sich aber nicht als "jugendpolitisches Korrektiv" von Partei und Fraktion. Vielmehr verstehen wir uns als beratenden und konzeptionellen Jugendverband, der schulpolitische Kompetenz aus eigener Erfahrung mitbringt. Darauf können und dürfen Partei und Fraktion nicht verzichten.
einstimmig verabschiedet auf der LMV am 9. März 2002 in Oberhausen


