NETZPOLITIK: Interview mit Matthi Bolte
Risiko und Chancen, die Frage der sozialen Gerechtigkeit, Google und das Zensurgesetz. Matthi reitet mit uns durch den Internetdschungel
:>krass : Matthi, auf der nächsten Landesmitgliederversammlung
beschäftigen wir uns mit Netzpolitik. Wieso ist uns dieses
Thema so wichtig?
Matthi Bolte:
Das Thema Netzpolitik ist
wichtig, weil wir es heute
mit einer Gesellschaft zu tun haben, in der
Offline und Online Leben immer weiter
miteinander verschmelzen, in der es immer
stärker darum geht, dass Menschen
Informationen bekommen, dass sie sich
austauschen können und dass wir gemeinsam
kreativ werden können. Dafür ist das
Internet einfach das Medium schlecht hin.
Wir müssen es in der ganzen Gesellschaft
schaff en mit Internet leben und arbeiten
zu können, um die vielen Vorteile daraus
nutzen zu können. Hier ist es in den kommenden
Jahren die große Herausforderung,
allen Menschen einen Zugang zum
Internet zu ermöglichen. Ein Zurücklassen
von einzelnen Teilen der Gesellschaft,
kann sich eine Wissensgesellschaft wie
wir es sind, nicht mehr erlauben.
:>krass
Einer deiner politischen Schwerpunkte
ist die Netzpolitik - wo siehst du
die größten Baustellen auf diesem Gebiet?
Matthi Bolte:
Zum einen muss die Sicherheit
von Nutzerdaten gewährleistet sein
und im Moment gibt es da noch massive
Probleme. Es vergeht ja keine Woche in
der nicht irgendwo ein Datenleck bei großen
Internetcommunities oder Internetkonzernen
auftritt. „Der Spiegel“ hat diese
Woche die Titelstory, dass Google mehr
über uns weiß, als wir selbst und das ist
eine schöne Formulierung. Der Datensammelwahn
bei Konzernen ist zur Zeit sehr
stark ausgeprägt. Dann gibt es genau so
staatliche Überwachung im Internet. Thema
Vorratsdatenspeicherung: Hier muss
ein halbes Jahr gespeichert werden, was
ich im Internet tue. Das passiert natürlich
unter dem Deckmantel der Sicherheit
– aber es muss einfach die Freiheit im Internet
gewährleistet werden. Das ist eine
der großen Baustellen, das andere ist die
Frage nach dem geistigen Eigentum. Hier
sind in den letzten Jahren neue Möglichkeiten
aufgetaucht, wie Kulturgüter ihren
Weg durch das Internet fi nden können.
Das liegt jenseits der klassischen Verwertungswege.
Es kann nicht sein, dass alle
Menschen die künstlerische Inhalte austauschen,
kriminalisiert werden. Da muss
sich etwas ändern und deswegen schlagen
wir eine Kulturfl atrate vor.
„Deswegen schlagen wir eine Kulturfl atrate
vor.“
Und ein richtig großer Punkt ist, wie ich
schon angedeutet habe, die Frage nach
dem Zugang. Es gibt nach wie vor große
Gruppen in unserer Gesellschaft, die
keinen Internetzugang haben, oder den
Stellenwert nicht erkennen. Hierbei handelt
es sich um eine Frage der sozialen
Gerechtigkeit. Es kann nicht sein, dass
bestimmte Schichten vom Internet ausgeschlossen
werden, weil sie es sich nicht
leisten können oder wollen, oder weil der
Bildungsstand es nicht mehr zulässt, mit
der Technologie fertig zu werden. Außerdem
muss man Menschen aller Altersklassen
an das Internet heranführen, weil
sonst viele Menschen von ganz wichtigen
Prozessen ausgeschlossen sind. Man
darf ja nicht nur über die Risiken, sondern
muss auch über die Chancen des
Internets reden. Hier sind Themen wie
Onlinedemokratie und Mitbestimmung
wichtig. Modellprojekte sind auf dem
Weg und auch die Verwaltung kann immer
weiter über das Internet abgewickelt
werden – auch wenn das einige Kommunen
nur machen, um Geld zu sparen.
:>krass
Du hast gerade die Datensicherheit
angesprochen. Kann ein einziger
Nationalstaat die BürgerInnenrechte
in der globalen Netzwelt garantieren?
Matthi Bolte:
Ich glaube das ist die große
Schwierigkeit. Das ist auch einer der
Gründe, warum viele Leute die Herausforderung
an die Sicherheit im Internet nicht
verstehen. Man muss erst mal anerkennen,
dass eine gewisse Anarchie, die im Internet
herrscht, auch den Reiz ausmacht.
Letztlich bräuchte man eine Regulierungsstelle,
die auf einer anderen Ebene angesiedelt
ist, als heute. Wir können heute
Konzernen vorschreiben, wie sie mit den
Daten ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
umgehen müssen und wenn sie
dagegen verstoßen, werden sie mit einem
Ordnungsgeld belangt. Aber wo soll die Instanz
sein, die Ähnliches einem Konzern
vorschreibt, der seinen Server in den USA
hat und unsere Nutzerdaten verarbeitet?
„Wenn ich bei Google meine sexuellen
Vorlieben eingebe, dann muss ich damit
leben, dass ein Konzern, der weltweit operiert,
diese Daten über mich besitzt.“
Selbst wenn die USA dann bereit sind
einzugreifen, geht man mit seinem Server
auf die Cayman Islands oder auf irgendeine
Bohrinsel. Das ist die Schwierigkeit und
deshalb sollte man ein Bewusstsein bei
den Benutzerinnen und Benutzern schaffen,.
Wenn ich bei Google meine sexuellen
Vorlieben eingebe, dann muss ich damit
leben, dass ein Konzern, der weltweit operiert,
diese Daten über mich besitzt. Es geht
also auch um die Bildung über das Internet
– man muss nicht nur technisch in der
Lage sein mit der Technologie umgehen zu
können, sondern auch verstehen, wie man
diese Technologie in sein Leben einbindet.
:>krass
Es wird oft argumentiert,
das Internet dürfe kein rechtsfreier
Raum sein. Was entgegnest du hier?
Matthi Bolte:
An sich ist das Internet ein
regulierter Raum. Wenn man sich zum Beispiel
den Onlinehandel anguckt, gibt es da
mehr oder weniger sinnvolle Regularien.
Hier ist das Internet ein Handelsraum neben
vielen anderen. Genau so ist es mit der
tatsächlichen Kriminalität. Natürlich gibt
es auch im Internet Kriminelle. Für mich
ist es keine Frage, dass Menschen die im
Internet kriminell sind, dafür genau so belangt
werden, wie außerhalb. Ein Beispiel
dafür wäre das Phishing – also Ausspähen
von Kontodaten. Ob ich nun ein Programm
schreibe, um Onlinebankingdaten
auszulesen, oder ob ich eine Kamera am
Geldautomaten installiere, ist letztlich das
Gleiche. Das sind beides kriminelle Handlungen,
die beide belangt werden müssen.
Da gibt es inzwischen auch Mechanismen
für. Sobald so etwas bei den Sicherheitsbehörden
bekannt wird, werden entsprechende
kriminelle Inhalte gelöscht – das
ist ein sinnvolles Verfahren. Bei anderen
Dingen wie den kulturellen Gütern, wird
oft gesagt, dass es eine ganz große Katastrophe
ist, dass Menschen online Musikoder
Videodateien austauschen. Ich glaube
99% der Internetuser sind schon der
Meinung, dass Künstlerinnen und Künstler
Geld dafür kriegen müssen, dass sie
An sich ist das Internet ein
Kunst produzieren, aber es sind nun mal
genau so viele die meinen, dass es nicht in
Ordnung ist, dass sich eine Musikindustrie
unethische Summen daran verdient, dass
es Menschen gibt, die kreativ sind. Hier
sollte man also, statt so genannte Verbrechen
zu bekämpfen, eher die Verwertungs-
und Vermarktungswege ändern.
:>krass
Nach dem was du bisher genannt
hast - wie erklärst du dir da, dass
sich 15 grüne Bundestagsabgeordnete
bei dem Internetzensurgesetz enthielten,
statt dagegen zu stimmen. Fehlt es da
noch an Aufklärung?
Matthi Bolte:
Es ist schwierig. Ich habe
die letzten 5 Jahre Kinder- und Jugendpolitik
gemacht. Da ist die Frage Kinderschutz
natürlich immer prominent gestellt worden.
Hier gibt es manchmal Vorschläge,
die widersprechen jeder datenschutzpolitischen
Vorstellung. Beispielsweise wird
gesagt, man müsse jeden Schritt eine Kindes
staatlich überwachen können. Eigentlich
ist es nachvollziehbar, dass solche Forderungen
immer wieder kommen, denn
schließlich ist es irgendwo eine Aufgabe
der Allgemeinheit, dass die kleinsten Gesellschaftsmitglieder
besonders geschützt
werden. Ich glaube, dass sich diejenigen,
die mit „Enthaltung“ statt mit „Nein“ gestimmt
haben, nicht bewusst waren, was
andererseits auf dem Spiel stand. Dass
Freiheit im Internet genau so ein kultureller
Wert ist, wie im Offlinebereich, muss
einfach klar sein. Diese Vorstellung ist bei
vielen Leuten noch nicht in voller Stärke
angekommen. Da liegt es an den progressiven
Netzbürgerinnen und Netzbürgern
zu sagen:“Liebe Leute, das Internet ist ein
Gesellschaftsbereich in dem Freiheit herrschen
muss.“
:>krass
Sind da Erscheinungen wie
die Piratenpartei nützlich, um auf das
Problem aufmerksam zu machen?
Matthi Bolte:
Ich glaube, dass die Piratenpartei
im Moment ziemlich gehypt
wird. Sie ist mit allen Kinderkrankheiten
einer neu gegründeten Partei konfrontiert,
was sich ganz klar an ihrem Abgrenzungsproblem
nach Rechts zeigt. Man
wird sehen müssen, wie sich das weiterentwickelt.
Natürlich haben die Piraten
ein sehr wichtiges Thema angesprochen
und weil sie sich bei der letzten Bundestagswahl
ziemlich cool präsentiert haben,
haben sie dafür gesorgt, dass dieses wichtige
Thema eine größere Aufmerksamkeit
bekommen hat. Also bin ich aus der Sicht
eine Netzbürgers schon dankbar, dass die
Piratenpartei sogar bei den etablierteren
Parteien ein gewisses Bewusstsein geschaffen
hat. Dass sich dieses Phänomen
auf dem Niveau der Bundestagswahl halten
wird, kann ich mir aber nicht vorstellen.
Dafür gibt es einfach diese Lücken in
der Parteienlandschaft nicht, die die Grünen
in den Achtzigern und Die Linke Anfang
des Jahrzehnts schließen konnten.
:>krass
Du bist mit Verena unser
Spitzenkandidat bei der Landtagswahl
und stehst auf Platz 14 der Landesliste.
Was würdest du im Landtag
netzpolitisch bewegen können?
Matthi Bolte:
Der Landtag macht keine
Sicherheitsgesetze und auch keine Gesetze
zum Schutz des geistigen Eigentums.
Also könnten wir dort keine Kulturflatrate
einführen. Was wir aber machen können
ist, den Zugang zum Netz ermöglichen,
Demokratie im Netz stärken und NRW
zum Musterland in Sachen eGovernment
machen. Auch der Petitionsbereich des
Bundestags zeigt gut, wie Mitbestimmung
möglich ist – auch was Volksabstimmungen
angeht.
:>krass
Mensch sagt sich du twitterst
leidenschaftlich gern. …
M.: Ja, mach ich. (lacht)
:>krass
Ist unser Leben ohne Internet
überhaupt noch denkbar?
Matthi Bolte:
Das reizvolle am Internet
ist, dass es nicht wie eine Zeitung oder ein
Buch, kein Anfang und kein Ende hat. Man
findet mittlerweile eigentlich zu fast jedem
Thema etwas und jemanden der sich
damit beschäftigt. Und wenn man selbst
etwas zu Themen beitragen möchte, findet
man schnell Communities in denen
man gemeinsam arbeiten kann. Ich kann
heute Medien und Informationen austauschen,
ich kann zu Menschen überall auf
der Welt Kontakt herstellen – deswegen
ist das Internet einfach ein unheimlich interessantes
und buntes Medium.
:>krass
Bunt gefällt uns doch ganz gut. -
Ich bedanke mich.
Matthi Bolte:
Gerne.
Das Interview führte Gianmarco Crapa.
Artikel entnommen aus der <:krass-Ausgabe vom Februar 2010.
Matthi Bolte hat einen Blog: http://matthibolte.wordpress.com/
und einen Twitter: http://twitter.com/matthi_bolte
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